Über das "Prekariat", die neue Unterschicht, ist viel geschrieben worden, von Wissenschaftlern wie Feuilletonisten. Wie aber steht es um die "Mittelschicht", also um die vermeintlich gut abgesicherte Pufferzone zwischen den sozial Abgehängten und den Vermögenden? Auch hier ist viel in Bewegung geraten in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrisen. Von Aufstiegschancen wird in diesem gesellschaftlichen Milieu immer weniger geredet als von Abstiegsgefahr. Zu Recht?

Erst einmal unternimmt der Bremer Soziologe Steffen Mau den Versuch, das bisher "weitgehend unerforschte Terrain" der Mittelschicht zu erkunden. "Die Mitte" ist zwar in aller Munde - politisch, sozial und ökonomisch. Doch schaut man genauer hin, verbirgt sich hinter dieser pauschalen Beschreibung eine ziemlich differenzierte und auch heterogene Gruppe von altem Mittelstand, klassischen Bildungsbürgern und modernen Aufsteigern.

Gemeinsam ist ihnen das Bewusstsein für wachsende Ungleichheit und soziale Kälte, für zunehmende Ungerechtigkeit und drohenden Statusverlust trotz unverändertem Selbstbehauptungswillen. Aus dieser kollektiven Verunsicherung hilft nach dem Befund des Autors nur eine "Politik der Lebenschancen" heraus, die Schluss macht mit einer "Verkürzung der Gesellschaft auf den Markt, den Wettbewerb und das Lied von den Leistungsträgern". Das klingt wie eine Vision, ist aber der reale Gegenentwurf zu den herrschenden Zuständen, die von Zukunftsangst und erschüttertem Selbstbewusstsein der Mittelschicht geprägt sind. Steffen Mau, Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht? Suhrkamp Verlag, 2012. 274 Seiten. 18 Euro.