POLITISCHES BUCH: Innenansicht der Nahost-Politik

LEA RICHTMANN 29.02.2012
Abdallah Frangi war Repräsentant der Palästinensischen Befreiungsorganisation. Seine Biografie gibt einen persönlichen Einblick in die Nahost-Politik.

Ein "germanisierter Palästinenser" sei er, so hat ihn Daniel Cohn-Bendit einmal genannt. Abdallah Frangi lebte 42 Jahre in Deutschland, lange Zeit als Repräsentant der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO). Seine Biografie gewährt einen Einblick in sein Leben hinter den Kulissen der Nahost-Politik.

Frangi stammt aus einer einflussreichen Beduinenfamilie. Als er fünf Jahre alt ist, wird seine Familie aus dem soeben gegründeten Staat Israel nach Gaza vertrieben. Sein ältester Bruder ist Gründungsmitglied der Fatah, der sich auch Frangi anschließt. Als er beschließt, für ein Medizin-Studium nach Deutschland zu gehen, macht er sich bald zur Aufgabe, "die Deutschen für die Sache Palästinas zu gewinnen".

Wenn Frangi von der "Sache Palästinas" spricht, meint er damit seinen Einsatz für ein friedliches Zusammenleben aller Völker in der Region des heutigen Israel und der Palästinensischen Gebiete. Er schreibt natürlich als Vertreter der Palästinenser. Sein Bericht ist aber nicht einseitig. Frangi geht auf Gräueltaten beider Seiten ein. Er stellt auch die Asymmetrie des Konflikts heraus, da von der palästinensischen Seite oft Splittergruppen Attentate verüben, während aus Israel die staatliche Armee antwortet.

Bisweilen überschwänglich berichtet Frangi über seine Zeit in Deutschland. Ausführlich beschreibt er das Wohlwollen, das ihm in seiner "zweiten Heimat" entgegengebracht wird. Dies wird jäh unterbrochen, als Frangi 1972 nach den Anschlägen einer palästinensischen Terrorgruppe auf die Olympischen Spiele in München ebenso wie hunderte weitere unbeteiligte Palästinenser aus Deutschland ausgewiesen wird.

Das Buch lädt dazu ein, beim Betrachten des Konflikts kulturellen Unterschieden Rechnung zu tragen. Beispielhaft ist dafür Frangis Beschreibung der arabischen Rhetorik: Er erklärt, dass "der kunstvolle und auch emotionsgeladene sprachliche Ausdruck" in der arabischen Kultur eine enorme Rolle spielt, jedoch für den westlichen Zuhörer häufig befremdlich wirkt. Da der Betrachter häufig seine eigenen Eigenschaften zum Maßstab nähme, hätten israelische Gesprächspartner im Westen häufig einen Vorteil. An manchen Stellen geraten die Erklärungen etwas kurz. Das Buch ist jedoch sehr zu empfehlen, um einen persönlichen Einblick in die Wirren der Nahost-Politik zu bekommen.

Info Abdallah Frangi: Der Gesandte. Mein Leben für Palästina. Hinter den Kulissen der Nahost-Politik. Heyne. 432 Seiten. 21,99 Euro.

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