Flüchtlingsströme sind Teil globaler Normalität geworden.“ Stand früher noch die Hoffnung im Raum, „eines Tages würden alle Krisen vorbei sein und jeder wieder nach Hause gehen“, hat sich mittlerweile eine pessimistische Weltsicht etabliert: Die Krise als Normalzustand der Welt.

Mit diesen Worten leitet Marc Engelhardt das Buch „Die Flüchtlingsrevolution“ ein. Der Journalist ist Reporter bei den Vereinten Nationen in Genf, war zuvor lange Zeit als freier Korrespondent in Afrika tätig. Nun hat er einen 21 Reportagen fassenden Band herausgegeben, der zeigt, was die neue „globale Normalität“ für die davon Betroffenen bedeutet.

Die Autoren – freie Auslandskorrespondenten des Journalisten-Netzwerks „Weltreporter“ – schildern zahlreiche Tragödien, in denen Familien gewaltsam auseinandergerissen werden. Geschichten wie jene Alis, eines irakischen Polizisten, und seines Sohnes Hussain, deren Flüchtlingsboot vor der Küste Griechenlands gekentert ist. Die letzten Worte Hussains, bevor der Junge seinem Vater aus den Händen glitt und im Mittelmeer verschwand, waren: „Papa, ich will schlafen.“

Aber auch hoffnungsvolle Geschichten werden erzählt. Wie die Ameenas, deren Flucht geglückt ist. Die Syrerin schildert selbst, wie den Menschen auf einem Mecklenburger Bahnsteig die Tränen in den Augen standen, als sie beobachteten, wie Ameena nach monatelanger Flucht ihre Familie in die Arme schloss.

Zwischen den emotionalen, auf höchstem Niveau geschriebenen Reportagen versuchen die Autoren zu klären, wer am globalen Drama schuld ist. Es ist ihnen zugute zu halten, dass sie auf einfache Antworten verzichten, die Schuld stattdessen auf viele Schultern verteilen. In Zwischenkapiteln erklären sie, warum Flucht viel mit Korruption, konzernartigen Schlepperbanden oder dem Ringen von Regionalmächten um Vorherrschaft zu tun haben.

Engelhardts gewagter Vergleich der Flüchtlingskrise mit einer Revolution erklärt sich allerdings erst anhand der widersprüchlichen Rolle des Westens: Dieser investiert viel Geld in Entwicklungshilfe für arme Länder, erzwingt andererseits aber die Öffnung ihrer Märkte, unter der sie dann leiden. Die titelgebende Revolution ist deswegen am eindringlichsten mit den Worten eines nigerianischen Flüchtlings erklärt: „Man kann doch nicht die halbe Welt mit Stacheldraht und Zäunen davon abhalten, sich ein Leben zu suchen, wie es die andere Hälfte tagtäglich hat.“