Die Kritik des herrschenden Finanzkapitalismus steht seit geraumer Zeit im Mittelpunkt wissenschaftlicher und politischer Diagnosen. Doch ragt das Buch des Kölner Soziologen Wolfgang Streeck aus der Fülle aktueller Veröffentlichungen zu diesem Thema heraus, weil es nicht bei der wohlfeilen Klage über gierige Manager oder aus dem Ruder gelaufene Banken stehen bleibt, sondern eine Langzeitanalyse bietet über den allmählichen Bruch zwischen demokratischer Staatsverfassung und (neo-)liberaler Wirtschaftsordnung.

Der Autor weist nach, wie es in den vergangenen vier Jahrzehnten zu jener Schieflage kommen konnte, in der sich auch die reichen Industrienationen inzwischen befinden. Um dauerhaft Wachstum und Wohlstand abzusichern, setzten die Regierenden zunächst auf die Steuerungskräfte des Marktes, dann auf die Wirkungen öffentlicher Verschuldung, schließlich auf rigide Konsolidierung.

In allen Phasen wurden nur Krisensymptome kuriert, nicht aber deren Ursachen. Die Problemlösung wurde aufgeschoben. Diese Strategie ist jetzt an ihr Ende gekommen, glaubt Streeck. Auf der Strecke geblieben ist ein parlamentarisches System, das sich den Anmaßungen der Finanzmärkte gefügt hat. "Die Demokratie, wie wir sie kennen, ist auf dem Weg, vom Kapitalismus abgetrennt und um seinetwillen auf eine Kombination von Rechtsstaat und öffentlicher Unterhaltung reduziert zu werden", bilanziert der Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung. Info Wolfgang Streeck: Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 271 Seiten, 24,95 Euro.