Leitartikel Jürgen Kanold zum Staatstheater in Stuttgart Politische Oper: Das Sanierungs-Desaster

Autorenfoto
Autorenfoto © Foto: Könneke Volkmar
Stuttgart / Jürgen Kanold 18.05.2018

Das öffentliche Bauen in Deutschland ist große Oper: Drama, Tragödie, Klagegesang. Die Werke werden nicht fertig, gerne platzt in letzter Minute die Premiere. Wobei Opernhäuser selbst ein unbeliebtes Thema sind in diesem Millionenspiel.

Stuttgart hat sehr genau verfolgt, was in Berlin passierte oder in Köln noch immer Unheil verursacht. Und rechnete und wartete und rechnete. Aber im März legten Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der Stuttgarter OB Fritz Kuhn fürs Land und die Stadt ein feierliches Bekenntnis für die Württembergischen Staatstheater ab, endlich die Sanierung (und Erweiterung) des Opernhauses in Angriff nehmen zu wollen. Doch jetzt muss die Opernsanierung, die noch gar nicht begonnen hat, schon politisch saniert werden, weil das Ausweichquartier abhanden gekommen ist.  Ein Desaster, das kein gutes Licht wirft auf staatliche und städtische Planer. Der Verwaltungsrat der Staatstheater wird heute in seiner Sitzung zunächst mal die Scherben zusammenkehren müssen . . .

Dass ein für 55 Millionen Euro als Opern- und Ballettbühne ertüchtigtes Paketpostamt in der Ehmannstraße hinterher abgerissen werden soll, damit für einen S-21-Deal Ersatz-Grünflächen im Unteren Schlossgarten entstehen, hatte niemand ernsthaft glauben wollen: Nachhaltigkeit sieht anders aus. Bei den jetzt plötzlich geschätzten Kosten von 116 Millionen Euro wäre die Sache sowieso absurd. Berlin hatte relativ Glück, weil es die Staatsoper ins Schillertheater auslagern konnte – aber selbst dieses Ausweichquartier kostete gut 30 Millionen Euro. Also zum Sparpreis ist kein Interim zu haben. Und Stuttgart besitzt leider keine ähnlich praktikable Immobilie.

Ein international bedeutendes Staatstheater mit einem 110-Millionen-Euro-Budget kann aber nicht einfach fünf bis sieben Jahre lang den Opern- und Ballettbetrieb einstellen; und meistens dauert eine Sanierung sowieso länger als kalkuliert. Man stelle sich nur mal vor: Daimler stoppte jahrelang seine Produktion, bis eine neue Halle fertig ist! Was ist zu tun? Es muss ein Ausweichquartier gebaut werden, das hinterher sinnvoll weiter genutzt werden kann. Aber dafür gibt es zwei Varianten.

Zunächst könnte der Verwaltungsrat am Interim Paketpostamt festhalten – aber mit der Einsicht, viel Geld in die Hand nehmen zu müssen. Die kulturpolitische Aufgabe bestünde darin, ein überzeugend zukunftsfähiges Nutzungskonzept sich auszudenken. Vorteil: Die Opernsanierung kann irgendwann beginnen.

Die andere Möglichkeit wäre der Neustart: der große Wurf,  der neue Blick, der die verkehrsbelastete Kulturmeile miteinbezieht. Vielleicht wäre tatsächlich das Katharinen-Stift zu verschieben, damit Platz frei wäre direkt an den Staatstheatern, um ein spektakuläres Konzerthaus zu bauen, das zunächst – mit Einschränkungen, mit weniger Bühnentechnik – als Interim der Oper dient. Nachteil: Die Opernsanierung beginnt irgendwann in weiter Zukunft. Tempo aber muss das politische Stuttgart jetzt in jedem Fall machen.

leitartikel@swp.de

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel