68er Interview: Politikwissenschaftler Kraushaar zu den 68ern

Der Hamburger Extremismusexperte Wolfgang Kraushaar.
Der Hamburger Extremismusexperte Wolfgang Kraushaar. © Foto: epd
Ulm / Elisabeth Zoll 12.01.2018
Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar stellt fest, dass die 68er-Bewegung politisch gescheitert ist. Dennoch hat sie das Land verändert.

Politisch ist die 68er-Bewegung in vielen Punkten gescheitert, stellt der Politikwissenschaftler und Extremismusexperte Wolfgang Kraushaar fest. Doch sie hat das Land maßgeblich verändert. Sehr zum Missfallen vieler Konservativer.

Herr Kraushaar, Sie gehörten selbst der 68er-Bewegung an. Was verbinden Sie im Nachhinein mit ihr?

Wolfgang Kraushaar: Ja, ich war Teil der damaligen Bewegung. Und zwar in Frankfurt, dem zweiten Zentrum neben Berlin. Ich habe im September 1968 begonnen, bei Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas Philosophie zu studieren. Das hat geprägt und ist so etwas wie der Echoraum meiner Arbeit.

Die 68er haben einen großen Nachhall hinterlassen. Von der AfD, aber auch von CSU-Politikern wie – Alexander Dobrindt – wird „68“ als Metapher für alles Schlechte verwendet. Woran liegt das?

Die 68er-Bewegung hat damals bereits polarisiert und tut es offenbar noch immer. Die AfD und nun auch die CSU wollen offenbar einen Rechtskonservatismus, gegen den wir uns so sehr gewandt hatten. Im Grunde genommen geht es  ein weiteres Mal um jene „geistig-moralischen Wende“, die Helmut Kohl 1982 bei seinem Amtsantritt als Kanzler verlangt hatte. Heute versuchen sich die Rechtspopulisten im Schulterschluss mit Teilen der CSU, die selbst eine „konservative Wende“ fordert. Das hat aber weniger etwas mit „68“ zu tun als mit einem Angriff auf den Kurs von Bundeskanzlerin Merkel, der sie eine Sozialdemokratisierung der CDU unterstellen.

Warum fordert das Gedankengut der 68er heute noch so stark heraus?

Nun, die 68er hatten ja zu einem Angriff auf die Grundfesten der Gesellschaft geblasen. Sie wollten  vor allem die Familie und die Autoritäts- und Sozialisationsmuster insgesamt in Frage stellen – auch die an Schulen und Hochschulen. Alle, die blinden Gehorsam verlangten, wurden attackiert, weil man darin eine der Wurzeln für das NS-Regime glaubte erkennen zu können. Daneben gab es eine Reihe von politischen Forderungen wie die Verhinderung der Notstandsgesetze, die Kritik am Vietnamkrieg, die Auseinandersetzung mit dem Axel-Springer-Verlag und seinem Meinungsmonopol, aber auch der Kampf gegen die NPD. Es gab die Sorge, dass die Rechtsextremen 1969 in den Bundestag hätten einziehen können. Damit wäre eine sozial-liberale Koalition unmöglich geworden  – und zugleich auch die mit ihr verbundenen Reformen.

Führte die 68er-Bewegung zu einem Modernisierungsschub?

Ja. Bei allem Positiven, was es zur Ära von Konrad Adenauer zu sagen gibt, dem wir ja die Westbindung zu verdanken haben, hatte es ein Defizit gegeben: Die Werte aus der Zeit des Nationalsozialismus waren kaum bis gar nicht in Frage gestellt worden. Es unterblieb eine elementare Auseinandersetzung darüber, was die Gesellschaft in ihrem Innersten ausmacht und was sie zusammenhält. In dieses Vakuum ist die 68er-Bewegung gestoßen und auf diesem Feld hat sie vermutlich auch ihre größten Erfolge erzielt.

Getragen hat die 68er-Bewegung der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), der sich 1970 schon wieder aufgelöst hat. Hat er eine Konkursmasse hinterlassen?

Aus dem SDS sind mit den Maoisten so etwas wie pseudo-proletarische Parteien hervorgegangen, aber auch Mitglieder der 1968 gegründeten Deutschen Kommunistische Partei. Als Gegenbewegung zu ihnen konnte sich jedoch eine undogmatische Linke etablieren. Zu ihnen gehörten Daniel Cohn-Bendit und der spätere Bundesaußenminister Joschka Fischer. Sie versuchten Milieus zur gesellschaftlichen Veränderung zu formieren. In Frankfurt war das die Hausbesetzerszene. Die Partei der Grünen wäre ohne diese Strömungen kaum denkbar gewesen.

Neue Beteiligungen wurden gefordert: auf der Straße, in Kommunen, in Kinderläden. Auf manches schaut man heute mit Unbehagen. Stichwort: Kindesmissbrauch. Wo führten die 68er in die Irre?

Insbesondere die Vorstellungen von einer „befreiten“ kindlichen Sexualität waren ein wunder Punkt. Als 2010 Missbrauchsvorwürfe gegen die Odenwald-Schule laut wurden, lag es nahe nachzufragen. Man stieß dabei auch auf Daniel Cohn-Bendit, eine der Symbolfiguren der 68er-Bewegung. Er war Absolvent dieser Reformschule und hatte sehr naiv über seine Beziehung zu kleinen Kindern geschrieben. Es gibt zwar keinen Grund anzunehmen, dass er selbst schuldhaft in derartige Missbrauchsfälle verstrickt gewesen ist, aber dieser Fall steht für einen unglaublich naiven Umgang mit kindlicher Sexualität. Man glaubte, dass es eine gleichberechtigte Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern geben könne. Das war ein großer Blödsinn. Durch die im Laufe der letzten Jahre im Zuge der Missbrauchsdebatte entstandenen Sensibilität ist das zum Glück korrigiert worden.

Ein kleiner Teil der 68er ist in politischen Terrorismus abgeglitten. Die Rote Armee Fraktion (RAF) kämpfte mit allen Mitteln gegen das politische System der Bundesrepublik. Welche Folgen hat das für die heutige Zeit?

Zunächst einmal: Unter den 68ern wurde immer wieder diskutiert, wie weit man gehen könne und ob Gewalt zu rechtfertigen sei. Nachdem viele ihrer politischen Ziele gescheitert waren, liebäugelten einige mit der Vorstellung, diese nun mit Gewalt durchzusetzen. Sie verlängerten die  68er Bewegung mit militärischen Mitteln. So sind die späteren Angriffe der RAF auf Einrichtungen der US-Armee auch als Verlängerung der zuvor von den 68ern artikulierten Kritik am Vietnam-Krieg zu begreifen. Grundproblem war, dass große Teile der 68er-Bewegung das staatliche Gewaltmonopol nicht anerkennen wollten, weil sie glaubten, dass in der Bundespolitik ein neuer Faschismus ausbrechen könne. Auf dieser Annahme gründete auch der zeitweilig nicht unerhebliche Sympathisantenkreis der RAF. Die autonome Bewegung ist ohne den militanten Teil der 68er nicht denkbar. Hier liegen auch die Wurzeln des Schwarzen Blocks. Bis heute ist die RAF die Achillesferse der 68er-Bewegung geblieben.

Die 68er waren eine Bewegung des Westens, nicht der DDR. Ist dieser Unterschied heute noch zu spüren?

Ja. In einem totalitären Staat wie der vom SED-Regime bestimmten DDR gab es keine Freiheit, gesellschaftlich oder politisch etwas anderes auszuprobieren. Als in West-Berlin 1967/68 Tag für Tag Tausende von Studenten auf die Straße gingen, passierte an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin gar nichts. Nur gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen  in Prag wurde vereinzelt demonstriert.  In einem Staat, der sich als antifaschistisch verstand, meinte man sich nicht mit den autoritären Ressentiments und dem  Nationalsozialismus auseinandersetzen zu müssen. Dadurch ist es zu einer Verlängerung dieser braunen Ur-Suppe durch die DDR-Zeit hindurch bis in die heutige Zeit gekommen. In den 90er Jahren kam dann in den neuen Bundesländern diese ungeheure Welle an Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus zum Vorschein. Und das stärkt bis heute Pegida und die AfD. Im Osten Deutschlands war man von einem bestimmten Erbe eingeholt worden.

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