Staatsbesuch Polen, der fremde Nachbar im Osten

Polnischer Grenzpfahl in Slubice in unmittelbarer Nähe zu Frankfurt (Oder).
Polnischer Grenzpfahl in Slubice in unmittelbarer Nähe zu Frankfurt (Oder). © Foto: imago/Steinach
Warschau / Dietrich Schröder 05.06.2018

Bitte setzt die Meinung unserer Regierung nicht mit der aller Polen gleich!“ Es war fast ein Hilferuf,  mit dem sich bei einer Diskussion mit dem Vizepräsidenten der EU-Kommission, Frans Timmermans, in Frankfurt (Oder) ein junger Pole an seine deutschen Altersgefährten wandte. Polen ist ein in vieler Hinsicht gespaltenes Land, was sich an den häufigen Demon­strationen zeigt. Egal, ob es die von der nationalkonservativen Regierungspartei PiS durchgeführte Justizreform, die Nationalisierung der Lehrpläne in den Schulen oder das komplette Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen betrifft.

Für Deutsche, die ohnehin Mühe haben, den Nachbarn im Osten zu verstehen, macht das die Sache nicht einfacher. Der 1990 geborene Traum vom „Weimarer Dreieck“, der darauf beruhte, dass es mit Polen zu einer ähnlich intensiven Partnerschaft wie mit Frankreich kommen würde, ist geplatzt. Während sich viele (West-)Deutsche Mühe gaben, Frankreich zu verstehen, trifft dies bezüglich Polen nicht zu.

Zwei Drittel der Bundesbürger haben Polen nach 1989 noch nie besucht, wobei es natürlich große Unterschiede zwischen den Bewohnern der alten und  neuen Bundesländern gibt. Keine glamouröse Hauptstadt wie Paris, keine sonnigen Strände im Süden und auch keine Gourmetküche – es gibt vermeintlich zu wenig, was nach Polen lockt.

Hinzu kommt das Missverhältnis bei der gegenseitigen Wahrnehmung. Während gerade die jüngeren Polen recht viel über ihren westlichen Nachbarn wissen, weil sie dort studiert oder auf Baustellen, in Unternehmen oder als Haushaltshilfen gearbeitet haben, bleibt das Interesse der Deutschen überschaubar. Und weil dies die Polen auch selbst wissen und darunter leiden, dass etwa die deutsche Wirtschaftskraft viel höher ist, führt dies dazu, dass man seine eigenen Reize noch weniger offensiv verkauft, als das möglich wäre.

Wenn dann noch seit zweieinhalb Jahren eine Regierungspartei wie die PiS an solche Vorurteile und Komplexe anknüpft, wird die Lage noch komplizierter. „Die Deutschen benehmen sich nicht wie Partner, sondern wie ein Vormund. Sie versuchen Polen heute genauso über die EU zu dominieren, wie sie das im Zweiten Weltkrieg einst militärisch getan haben. Für Polen ist es deshalb an der Zeit, sich von den Knien zu erheben und seine eigenen Interessen klar zu formulieren.“ Es sind solche Aussagen, zu denen nicht nur der Führer der PiS, Jaroslaw Kaczynski, häufig greift, sondern wie sie auch von den regierungstreuen Medien immer und immer wiederholt werden. Daraus resultierte auch die Forderung nach Reparationsleistungen für den Zweiten Weltkrieg, denen sich Deutschland bisher angeblich entzogen hat.

Angesichts solcher Propaganda zweifeln mittlerweile viele Polen, ob sie ihren eigenen positiven Erfahrungen mit den Deutschen glauben sollen, oder dem, was von vielen Medien und großen Teilen der Kirche gesagt wird. Wenn dann noch deutsche Politiker ihr Land mit der Kürzung von EU-Fördermitteln bestrafen wollen, weil Polen keine Flüchtlinge aufnimmt, ist für viele der Gipfel der Bevormundung erreicht. Auch im Rechtsstaatsverfahren, das die EU wegen der umstrittenen Justizreform gegen Warschau eingeleitet hat, sehen viele eine deutsche Intrige.

In dieser Situation besucht Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nun zum zweiten Mal in seiner Amtszeit das Nachbarland. Im Prinzip ist die Situation eingetreten, vor der er vor zwei Jahren als Außenminister warnte. Damals beschrieb das heutige Staatsoberhaupt die „enorme Fallhöhe in den Beziehungen unserer Länder“. Er meinte damit das Maß an Verständigung und gegenseitigem Vertrauen, das sich beide seit 1990 hart erarbeitet hatten. „Heute können wir nicht mehr genau sagen, ob es unsere polnische Kollegen wirklich ernst meinen, wenn sie versprechen, an der Justizreform doch noch etwas zu ändern“, verrät ein Mitarbeiter aus dem Auswärtigen Amt.

Steinmeier wird auch auf ein Datum eingehen, das den Nachbarn besonders wichtig ist: Vor 100 Jahren – am Ende des Ersten Weltkriegs  – erlangte Polen nach langer Unterdrückung wieder nationale Unabhängigkeit. Als langjähriger Diplomat weiß Steinmeier, wie wichtig es ist, dem Anderen einfach mal zuzuhören, um ihn besser zu verstehen.

Deutsch-polnisches Barometer 2018

56%

der befragten Polen, aber nur 29% der befragten Deutschen empfinden Sympathie gegenüber dem Nachbarland.

73%

der Polen identifizieren sich sehr stark oder stark mit Europa. In Deutschland liegt diese Zahl bei lediglich 54%.

70%

der Deutschen und 60% der Polen möchten, dass die Gegenwart und die Zukunft im Mittelpunkt der gegenseitigen Beziehungen stehen, nicht die Vergangenheit.

50%

der Polen meinen, dass die Opfer, die Polen im Laufe der Geschichte erbracht hat, von der
internationalen
Öffentlichkeit nicht
ausreichend anerkannt wurden. 53% der
Deutschen sind
demgegenüber
der gegenteiligen
Meinung.

64%

der Polen bezeichnen die deutsch-polnischen Beziehungen als gut, 44% der Deutschen als schlecht.

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