. Sein Leben hat Spuren hinterlassen - in der Geschichte, in ihm selber. Als Klaus Pflieger jüngst im Stuttgarter Haus der Geschichte vom Gespräch mit einem Vater erzählt, dessen Tochter durch die Bombe auf dem Oktoberfest 1980 starb, bricht ihm die Stimme. Die Erinnerung ist eine der Narben, die sein Job hinterlassen hat.

Narben, die auch auf herbe Kritik und Anfeindungen zurückgehen - angefangen bei den RAF-Prozessen, bis heute nicht endend trotz des Ruhestands: Noch bis zum 30. Juni hatte er als Generalstaatsanwalt das Handeln seiner Behörde etwa beim S-21-Protest am "Schwarzen Donnerstag" und beim Heilbronner Polizistenmord zu erklären.

"Ich sehe den Abend als eine Abschiedsveranstaltung", erklärt der 66-Jährige im Vortragssaal des Museums. Dieses hat ihn im Rahmen der Schau "RAF - Terror im Südwesten" eingeladen. 150 Besucher lauschen, viele im Stehen. Denn Pflieger redet - anders als andere Terroristenjäger - offen über seine Arbeit und Ansichten. Zwei Bücher hat er zur RAF veröffentlicht.

Im Jahr 1968 hatte der gebürtige Stuttgarter als Student in Tübingen gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Auch er diskutierte, ob Gewalt gegen Sachen oder Personen legitim sei. Wie das Gros der Kommilitonen wählte er den friedlichen Weg. 1975 wurde er Haftrichter, zuständig für Untersuchungshäftlinge in Stammheim - außer denen im 7. Stock, den RAF-Mitgliedern.

So galt er als nicht befangen und konnte als Staatsanwalt gegen RAF-Verteidiger Klaus Croissant ermitteln. Jener hatte weit über das Zulässige die Mandanten unterstützt. Das belegten Pflieger und seine Kollegen - in einem Prozess in jener "Mehrzweckhalle" in Stammheim. "Das geht auf die Nieren, die Atmosphäre in diesem Saal", sagt Pflieger. Er, seine Kollegen und die Richter standen im verbalen Dauerfeuer der Anwälte und Angeklagten.

Als Mitarbeiter und Staatsanwalt der Bundesanwaltschaft beschäftigte ihn die RAF bis zu deren Auflösung 1998. Er verfasste mit die Anklagen gegen Peter-Jürgen Boock, Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Er widerlegte mit die These, in der "Nacht von Stammheim" 1977 hätte der Staat die RAF-Häftlinge ermordet. Er vernahm nach der Wende RAF-Mitglieder, die in der DDR untergetaucht waren.

Für Linke war er ein rotes Tuch, auch Journalisten langten zu - der "Spiegel"-Reporter Gerhard Mauz etwa, der Pflieger im Croissant-Prozess scharf kritisierte. Generalbundesanwalt Kurt Rebmann gebot gegenüber der Presse Stillschweigen. Erst im Prozess 1992 gegen die rechten Brandstifter in Mölln machte sich Pflieger frei davon: "Ich fing damals an, was unter Rebmann verboten war: Öffentlichkeitsarbeit."

So redet er diesen Abend: Zum Fall des 1977 ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer. Zu den tödlichen Schüssen während des Protest gegen die Startbahn West 1987. Zu den Tätern beim Anschlag auf die Lübecker Synagoge 1994. Im Stechschritt geht er durch Fälle, Fotos, Fakten - wiederholt rechtfertigt er sein Tun.

Um so überraschender kommt Pfliegers Fazit. Er verweist auf Michael Buback, der den Mörder seines Vaters, des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, zu ermitteln versucht. Und er wendet sich an Ina Beckurts im Publikum, deren Mann Karl Heinz Beckurts die RAF 1986 bei einem Bombenanschlag tötete. Pflieger stellt fest, es brauchte Wege, damit Hinterbliebene die Wahrheit erfahren - ohne, dass die Täter nach dem Verbüßen einer lebenslangen Haft abermalige Prozesse fürchten brauchen. "Wir müssen als Strafjuristen vielleicht unser Interesse zurückstellen, um die historische Wahrheit zu erfahren."

Wenn schon Narben bleiben, so hofft Pflieger zumindest, die noch offenen Wunden zu schließen.