Meinung Pro & Contra: Pflicht zur Organspende?

Berlin / swp 13.09.2018
Soll jeder zum Organspender werden, sofern er nicht zu Lebzeiten widersprochen hat? Ein Pro & Contra.

Pro: Hajo Zenker

Das ist eine wunderbare Chance, die es jahrelang in Deutschland nicht gab. Dass nämlich auch hierzulande jeder automatisch als Organspender gilt, solange er nicht ausdrücklich widerspricht. Weshalb das Widerspruchslösung heißt und in Nachbarländern wie Frankreich, Polen, Tschechien oder Österreich normal ist. Bisher gilt bei uns die Entscheidungslösung. Nur derjenige ist Organspender, der sich mit dem Thema befasst, die Spende bejaht, den Ausweis ausfüllt und bei sich trägt. Nur: Die Entscheidung findet oft gar nicht statt. Es gibt ja angenehmere Dinge, als über den eigenen Tod nachzudenken. Die Folge: Alle acht Stunden stirbt ein Mensch auf der Organ-Warteliste.

Dass es nun Hoffnung für Patienten gibt, liegt an einem rasanten Stimmungswandel: Erst im Mai hatte der Ärztetag, das Parlament der Ärzteschaft, die eigene Position überdacht und sich für die Widerspruchslösung ausgesprochen. Damals lehnte Gesundheitsminister Jens Spahn dies noch ab. Mittlerweile hat sich die Stimmung gedreht. Nun wirbt sogar Spahn für die Lösung. Und es sieht ganz danach aus, dass es zu einer Gewissensentscheidung im Bundestag kommen wird. Das ist mehr als angemessen. Und dürfte die Akzeptanz der Entscheidung deutlich erhöhen.

Ein jetzt gern angeführtes Argument gegen die Widerspruchslösung ist, dass es sich angesichts des Automatismus gar nicht mehr um eine Organspende handele. Das ist unerheblich. Denn auch wenn man das vielleicht tatsächlich korrekt Organweitergabe nennen sollte – tausenden Patienten, die verzweifelt warten, wird die Begrifflichkeit herzlich egal sein. Ihnen würde definitiv ein besseres und längeres Leben geschenkt.

Contra: Dorothee Torebko

Ein zusammengefallener Brustkorb. Fleisch, das offen liegt, weil die Haut abgezogen wurde. Ausgehöhlte Augen: So sieht ein Körper aus, dessen Organe entnommen wurden. Es ist richtig: Diese Organe können vielen Menschen das Leben retten. Aber es sollte die Entscheidung des Einzelnen sein, ob er seinen Körper als Ersatzteillager zur Verfügung stellt. Freiheit und der Schutz der Menschenwürde enden nicht mit dem Tod.

Doch genau dieses Recht spricht der Staat dem Menschen ab, wenn er ihn per Gesetz zur Organspende verpflichtet. Wer erst nein sagen muss, der wird zudem stigmatisiert. Er gilt als Unmensch, der Sterbenskranken die Unterstützung aktiv verweigert. Das darf nicht sein. Denn die Widerspruchslösung ist kein Allheilmittel.

Das zeigen Beispiele aus dem europäischen Ausland. Der Weltmeister der Organspende, Spanien, führte die Widerspruchslösung in den 1970ern ein. Doch bis 1989 war die Spenderquote niedrig. Erst als die Iberer eine Organisation gründeten, die die Koordination von Transplantationen übernahm, stiegen die Zahlen. Das System war also das Problem – und nicht nur die Bereitschaft zum Spenden.

Das System aber hat in Deutschland seit dem Skandal von 2012 einen miserablen Ruf. Das schlechte Image haben Kliniken zu verantworten, die ihre Patienten zulasten anderer bevorzugt haben. Eine Verpflichtung löst die Bedenken nicht, sie steigert vielmehr das Misstrauen in ein System, das geändert werden muss.

Hier sollte Jens Spahn ansetzen. Nicht an der Würde des Menschen. Nicht an seiner Freiheit. Ja, es sollten mehr Bürger per Spenderausweis Leben retten. Aber Nächstenliebe zu erzwingen, ist der falsche Weg.

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