Berlin / EPD Nach Manipulationen trauen viele der Organspende nicht mehr. Neben der Einhaltung von Regeln steht die Frage, wie gerecht die Verteilung ist. Eine Diskussion im Ethikrat zeigt: Es gibt Verbesserungsbedarf.

Dringlichkeit oder Aussicht auf Erfolg? Juristen, Mediziner und Ethiker fordern, die Kriterien bei der Verteilung von Spenderorganen in Deutschland zu überdenken. In einer öffentlichen Diskussion des Ethikrats sagte der Kölner Transplantationsmediziner Dirk Ludger Stippel, momentan werde die Dringlichkeit einer Organspende stärker gewertet. Doch je dringlicher die Spende für einen Schwerstkranken sei, desto geringer sei wiederum die Erfolgsaussicht. Er forderte eine gesellschaftliche Diskussion über dieses ethische Dilemma.

Auch die Medizinethikerin Gertrud Greif-Higer verlangte, das System zu überdenken. Momentan sei die Wahrscheinlichkeit für eine Leberspende höher, wenn man bereits so krank sei, dass auch das Risiko einer Transplantation hoch sei. Das System zwinge dazu, zu warten, bis ein Patient schwerstkrank ist, sagte sie. Greif-Higer verwies außerdem auf ihre Erfahrungen in der Psychosomatik.

Es habe psychologische Folgen, wenn Patienten jahrelang auf ein Organ warten. Kranke, die seit Jahren gut mit der Dialyse lebten, fragten sich, ob sie das Risiko einer Transplantation überhaupt eingehen sollen. "Es gibt Patienten, für die ist die Nichttransplantation die bessere Entscheidung." Diese Entscheidung werde derzeit aber nicht getroffen. Stattdessen "warten wir unsere Patienten zu Tode."

In Deutschland herrscht ein Mangel an Organen. Seit den bekanntgewordenen Manipulationen an einzelnen Kliniken, um Patienten auf der Warteliste nach vorn rücken zu lassen, sinken das Vertrauen und damit die Zahl der Spender weiter. In der Diskussion wurde Kritik an der derzeitigen Festlegung der Vergabekriterien laut. Zuständig ist die Ständige Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer. Der Bundestag vertraut wegen der medizinischen Kenntnis im Wesentlichen der Selbstverwaltung.

Der Regensburger Verfassungsrechtler Thorsten Kingreen sagte, es gehe dabei aber nicht nur um medizinische Fachfragen. In seinen Augen müsse das Parlament die Grundsatzentscheidung darüber treffen, wie Kriterien wie Gesundheitszustand, Alter, Erfolgsaussicht und Wartezeit gewichtet werden.

Transplantationsmediziner Stippel sagte, die Frage der Verteilung sei eine gesellschaftliche Entscheidung, bei der Ärzte nur Vorschläge machen könnten. Die Vorsitzende des Ethikrats, Christiane Woopen, sagte, "wir brauchen da noch einmal eine öffentliche Debatte und den Gesetzgeber." Der Vorsitzende der zuständigen Kommission der Bundesärztekammer, Hans Lilie, wies dies zurück. Solche Regeln würden die Gefahr bergen, medizinische Erkenntnisse und Fortschritte nicht dynamisch berücksichtigen zu können.

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