Syrien Offensive auf Rebellenhochburg steht bevor

Syrische Rebellen in der Provinz Idlib.
Syrische Rebellen in der Provinz Idlib. © Foto: Omar Haj Kadour/afp
Damaskus / Martin Gehlen 21.08.2018

Das Ende ist nahe“, titelten die Flugblätter, die Hubschrauber kürzlich im Norden Syriens abwarfen. „Nehmt unsere Versöhnungsofferte an“, beschwor das Regime die Bewohner der letzten Rebellenprovinz. „Sie wird euch von der Herrschaft der Terroristen befreien, und das Leben eurer Familien retten.“ Mit dieser Propagandaaktion ist der Kampf um Idlib eröffnet. Der syrische Bürgerkrieg geht in seine entscheidende Phase. „Idlib ist nun das nächste Ziel“, kündigte Baschar al-Assad Ende Juli an. Doch anders als bei den Schlachten um Ost-Aleppo, Ost-Ghuta und der südlichen Enklave Daraa, ist die politische und militärische Lage im Norden Syriens wesentlich unkalkulierbarer.

„Das Ganze ist ein Dschungel“, heißt es in den Reihen der politischen Exil-Opposition. Momentan herrscht ein fragiler Burgfrieden. Anfang August schlossen sich alle Nicht-Al-Kaida-Kämpfer zur „Nationalen Befreiungsfront“ (NLF) zusammen, einem von der Türkei unterstützten Dachverband, dessen ideologische Bandbreite von der moderaten „Freien Syrischen Armee“ über Muslimbrüder-Verbände bis zu harten, nationalistischen Salafisten reicht.

In dieser zugespitzten Situation fällt der Türkei eine Schlüsselrolle zu. Idlib liegt vor ihrer Haustüre. Zwölf Militärposten mit 1300 Soldaten, die offenbar jüngst mit Boden-Luft-Raketen ausgerüstet wurden, hat Ankara wie einen Ring um das Gebiet gelegt. Eine Offensive Assads ist für Präsident Recep Tayyip Erdogan eine „rote Linie“, auch weil sie die größte Flüchtlingstragödie des siebenjährigen Bürgerkriegs auslösen könnte. 

Kreml-Chef Wladimir Putin bietet offenbar an, seinen Schützling Assad von einer offenen Feldschlacht abzuhalten, wenn Europa im Gegenzug die ersten Milliarden für den Wiederaufbau lockermacht. „Eine Großoperation in Idlib steht nicht zur Debatte“, erklärte der russische Sondergesandte für Syrien, Alexander Lavrentiev.

Stattdessen bekomme die Provinz Idlib einen gewissen Autonomiestatus – garantiert durch Russland und die Türkei. Dem Regime in Damaskus könnten beide Staatschefs als Kompromiss die Rückeroberung von Randbezirken zugestehen, im Süden Richtung Hama und im Westen Richtung Latakia.

Assad weiß, ohne massive russische Luftunterstützung kann er die Aufständischen nicht besiegen. Auch wird er nicht riskieren, sich mit Wladimir Putin offen zu überwerfen. Insofern könnte sich der Diktator zunächst einmal mit einer Offensive in Etappen abfinden, wohl wissend, dass er später weitere Landstriche unter seine Kontrolle bringen kann.

70 000 Bewaffnete

In der Region Idlib leben rund 2,5 bis 3 Millionen Menschen. Mindestens 40 Prozent sind Binnenflüchtlinge, darunter zehntausende besiegte Assad-Gegner, die sich mit Bussen aus früheren Rebellenenklaven evakuieren ließen. Die Zahl der Bewaffneten wird auf 70 000 geschätzt, von denen die Hälfte der Al-Kaida-nahen Hayat Tahrir Sham (HTS) angehört. Deren Extremisten kontrollieren 60 Prozent der Provinz und lieferten sich mit konkurrierenden Rebellengruppen immer wieder blutige Scharmützel. geh

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