Leitartrikel Leitartikel: Personalsituation im öffentlichen Dienst

Tanja Wolter
Tanja Wolter © Foto: swp
Ulm / Tanja Wolter 09.01.2018
Der öffentliche Dienst hat Personal abgebaut und dabei die Nachwuchs-Gewinnung vernachlässigt. Um dies aufzuwiegen, muss er ein moderner, „cooler“ Arbeitgeber werden.

Immer zum Jahreswechsel präsentiert die Gewerkschaft der Polizei eine Zahl, die aufhorchen lässt: Diesmal sind es mehr als 22 Millionen Überstunden, die die Polizisten im abgelaufenen Jahr angehäuft haben  – genauso viele wie bereits im „Rekordjahr“ 2016. Die Gewerkschaft spricht von einem „Sicherheitsproblem“ und fordert 20 000 zusätzliche Stellen. Der Beamtenbund, in seinem Auftreten traditionell gemäßigter, beziffert die Lücke bei der Polizei auf immerhin 8500 Stellen. Alles in allem sieht er im öffentlichen Dienst einen Bedarf von zusätzlich 180.000 Mitarbeitern, damit Bund, Länder und Kommunen ihre Aufgaben erfüllen können.   

Wird hier aus Marketinggründen Angst vor einem allgemeinen Staatsversagen geschürt – mit Blick auf die Sondierungen von Union und SPD sowie die anstehenden Tarifverhandlungen für die Beschäftigten von Bund und Kommunen? Mitnichten. Dass der öffentliche Dienst unter Personalmangel leidet, ist Konsens, auch auf der Verwaltungsseite.  Nicht nur im Polizeidienst, auch in der Justiz, an den Schulen und in den Kitas fehlt es an vielen Ecken und Enden. Städte und Gemeinden suchen händeringend nach IT-Fachkräften. Und in Kliniken gehört der Begriff „Personalnotstand“ zum täglichen Sprachgebrauch.

Die Probleme sind hausgemacht. Rund 4,65 Millionen Menschen arbeiten heute noch im öffentlichen Dienst, gut zwei Millionen weniger als zu Beginn der 1990er Jahre. Zwar lässt sich der Abbau teilweise auf Privatisierungen zurückführen, und die ein oder andere Effizienzsteigerung in den Amtsstuben war absolut notwendig: Unter dem Strich hat der Staat die Reduzierung seiner selbst aber übergeigt. Vor allem hat er tatenlos dabei zugesehen, wie das verbliebene Personal immer älter wird. Dabei weiß jeder noch so kleine Sportverein, wie wichtig die Nachwuchs-Gewinnung ist. Und wie wichtig es ist, den einmal angeworbenen Nachwuchs zu halten. Der öffentliche Dienst dagegen macht das beste Lockmittel, das er für Berufsanfänger hat – einen sicheren Job – mit befristeten Verträgen zunichte. Mehr als die Hälfte der Neueinstellungen sind davon betroffen.

Das Kind ist also in den Brunnen gefallen. Und es wird schwierig, es aus der Tiefe herauszuziehen. Mehr Geld ist dabei eines der in Frage kommenden Hilfsmittel, um neue Stellen zu schaffen und vor allem in den unteren Entgeltgruppen und sozialen Berufen bei der Bezahlung nachzulegen. Die Digitalisierung kann – bei zunächst hohem Aufwand – auf mittlere Sicht ebenfalls für Erleichterung sorgen. Am wichtigsten aber ist es, mit Attraktivität zu punkten. Hier liegen die größten Chancen. So gilt der Staat als guter Arbeitgeber, wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Gleitzeit, vorübergehende Teilzeit oder Freistellungen sind meist möglich. Hier sollten sich Bund, Länder und Kommunen mit Vehemenz an die Spitze setzen, sei es mit eigenen Behördenkitas, noch flexibleren Arbeitszeiten oder einer Karriere-Kultur, die Auszeiten nicht bestraft. Ein richtig „cooler“ Arbeitgeber für junge Menschen werden: Damit lassen sich die Fehler der Vergangenheit zumindest teilweise wieder aufwiegen.   

leitartikel@swp.de

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