So fern und doch so nah: Während der Chef der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, Abdullah Öcalan, in seiner Zelle auf der Gefängnisinsel Imrali im Marmarameer sitzt, strömen mehr als 1000 Kilometer östlich in der Kurdenmetropole Diyarbakir Hunderttausende zum Newroz-Feld am Stadtrand, um das kurdische Neujahrfest zu feiern. Doch Öcalan ist unter ihnen: Nicht nur auf den Plakaten, die viele hochhalten und auf den Fahnen, die sie schwenken. Als die Kurdenpolitikerin Pervin Buldan beginnt, eine Botschaft Öcalans zu verlesen, branden Wellen von Sprechchören über das Menschenmeer: "Lang lebe Öcalan, Freiheit für Öcalan." Die Kundgebung zeigt einmal mehr, wie groß der Rückhalt der PKK in der kurdischen Bevölkerung und wie dominierend der Einfluss Öcalans ist, auch nach 16 Jahren Haft. Vor einigen Jahren hätten die Rufe wie auch das Mitführen der PKK-Fahnen zu einem Einschreiten der Polizei geführt. Aber die Zeiten ändern sich.

Nur zwei Seiten ist der Brief lang, der in Diyarbakir verlesen wurde, aber er könnte den festgefahrenen Friedensprozess zwischen den Kurden und der Türkei wieder in Gang bringen. Öcalan schlägt darin vor, dass die PKK in diesem Frühjahr einen Kongress einberuft, "um den 40-jährigen bewaffneten Kampf gegen die Türkische Republik zu beenden und politische sowie gesellschaftliche Strategien für die neue Ära zu entwickeln". Öcalan spricht von der Notwendigkeit einer "demokratischen Lösung" der Kurdenfrage, um den "sinnlosen und unbarmherzigen Krieg" zu beenden. Deutlicher als je zuvor formuliert der PKK-Chef den Verzicht auf einen Kurdenstaat - eine Vision, für die seine Organisation 1984 der Türkei den Krieg erklärte, in dem mehr als 40.000 Menschen ihr Leben verloren. Die "neue Ära""für die Kurden, so Öcalan, soll sich "auf die freie, gleichberechtigte Staatsbürgerschaft innerhalb der Türkischen Republik" gründen.

Als Öcalan 1999 wegen Hochverrats verurteilt wurde, stand er kurz vor dem Galgen. Dass die Türkei wenig später auf Druck der EU die Todesstrafe abschaffte, rettete ihn: Das Todesurteil wurde in lebenslange Haft umgewandelt. Heute ist der 65-Jährige die Schlüsselfigur im Bemühen um eine Lösung des Konflikts. Schon vor einigen Jahren hatten Geheimverhandlungen begonnen. Zum Newroz-Fest 2013 rief Öcalan die PKK zu einer Waffenruhe auf, die weitgehend eingehalten wird. Die Verhandlungen über eine politische Lösung stocken aber seit Herbst 2013. Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnet den Friedensprozess als das "größte gesellschaftspolitische Projekt" des Landes. Aber viele Kurden misstrauen Erdogan. Sie argwöhnen, es gehe ihm vor allem darum, bei der Parlamentswahl am 7. Juni kurdische Stimmen für seine islamische AKP-Partei zu mobilisieren und die pro-kurdische Demokratische Partei der Völker (HDP), die als politischer Arm der PKK gilt, zu schwächen.

Kommentar von Gerd Höhler: Im Interesse aller

Noch nie seit Beginn des bewaffneten Kampfes der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK gegen den türkischen Staat vor drei Jahrzehnten war die Chance auf eine politische Lösung des Konfliktes derart zum Greifen nah wie jetzt. Der Friedensappell des inhaftierten PKK-Chefs Abdullah Öcalan und sein unzweideutiger Verzicht auf einen eigenen Kurdenstaat, wie ihn die PKK früher forderte, öffnen die Tür zu einer Beilegung des Konflikts.

Aber noch ist das Misstrauen groß - auf beiden Seiten. Türkische Nationalisten halten jede Art von Verhandlungen mit dem "Staatsfeind" Öcalan für Hochverrat. Und viele Kurden argwöhnen, dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan gehe es nur darum, kurdische Stimmen für die Parlamentswahl in der Türkei Anfang Juni zu mobilisieren.

Der Verdacht ist nicht unbegründet. Denn tatsächlich braucht Erdogan die Stimmen der Kurden für die geplante Verfassungsänderung, mit der er sich noch mehr Macht verschaffen will. Der türkische Präsident wäre aber gut beraten, das größere Bild zu sehen.

Der Kurdenkonflikt schwächt die Türkei seit Jahrzehnten. Er bindet militärische Kräfte, die das Land zur Abwehr äußerer Gefahren dringend braucht. In den Nachbarstaaten Irak und Syrien toben blutige Bürgerkriege. Die Terrormiliz IS könnte früher oder später versuchen, auch die Türkei ins Fadenkreuz zu nehmen. Nur ein Land, die seine inneren Konflikte löst, wird stark genug sein, einer solchen Bedrohung standzuhalten.

Deshalb liegt es auch im Interesse der EU und der Nato, dass die Türkei und ihre Kurden endlich Frieden schließen.