Jemen/Ägypten/Tunesien Ob im Jemen, in Ägypten oder Tunesien: Gewalt vertreibt die Urlauber

 
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Jemen/Ägypten/Tunesien / MARTIN GEHLEN 17.07.2015
IS-Terror und Bürgerkriege sind dafür verantwortlich, dass ein faszinierendes Kulturerbe der Menschheit verloren geht. Urlaub in den betroffenen Regionen zu machen, kann lebensgefährlich sein.

Felix Arabia - "glückliches Arabien" nannten die Römer einst die Südspitze der Arabischen Halbinsel. Seit Jahrtausenden existieren im Jemen märchenhafte Landschaften. Hier herrschte die mythische Königin Saba, die angeblich mit dem biblischen König Salomon liiert war. Die Provinz Maarib, die heute eine Hochburg der terroristischen Vereinigung Al-Kaida ist, beherbergt die älteste Talsperre der Menschheit. Im Hadramaut im Südosten steht seit 2000 Jahren das Manhattan der Wüste, die Stadt Shibam. Hier wurden die ersten Wolkenkratzer der Menschheit erfunden, nicht aus Stahl und Beton, sondern aus Lehmziegeln und Holz. Die größten Exemplare erreichen mit neun Stockwerken fast 20 Meter, nach Meinung von Statikern die maximal mögliche Höhe mit diesem Baumaterial.

Doch Touristen, die dieses Kulturerbe der Menschheit bestaunen, gibt es im Hadramaut schon seit Jahren nicht mehr. Die Gefahr, von Extremisten attackiert oder entführt zu werden, ist zu groß geworden. Seit März herrscht auch im Jemen Krieg, wie in vielen anderen Regionen der arabischen Welt. Mehr als 2600 Menschen sind bisher gestorben. Die Hauptstadt Sanaa, deren kakaofarbene Häuser mit weißem Stuck ebenfalls zum Unesco-Schatz gehören, steht fast jeden Tag unter saudischem Bombenhagel.

Ähnlich düster sieht es auch in Syrien und dem Irak aus, auf deren Territorium einst die Wiege der Menschheit stand. In dem früheren fruchtbaren Halbmond wurde das Alphabet erfunden, hier finden sich die berühmtesten Kulturlandschaften der Menschheit. Doch beide Länder sind durch Bürgerkriege inzwischen derart schwer verwüstet, dass sie wohl niemals mehr als geeinte Nationen existieren werden. 70 Prozent Syriens wird von radikalen Extremisten beherrscht, dem "Islamischen Staat" und der sogenannten "Eroberungsarmee", bei der Al-Kaida den Ton angibt. Glücklich die zuletzt 8,5 Millionen Reisenden, die 2010 - also ein Jahr vor Beginn des arabischen Niedergangs - noch Damaskus, Aleppo, Homs oder die Oasenmetropole Palmyra besuchen konnten.

Heute kommt niemand mehr, genauso wie im Irak, der schon seit der amerikanischen Invasion 2003 für westliche Besucher nicht mehr zugänglich war. Im Zweistromland kontrolliert der "Islamische Staat" inzwischen ein Drittel der Staatsfläche, darunter die Millionenstadt Mosul. Genauso lebensgefährlich sind inzwischen Reisen nach Libyen mit seinen phantastisch gut erhaltenen römischen Städten Leptis Magna, Sabratha und Cyrene.

Insgesamt 79 Unesco-Welterbestätten besitzt die Region, die sich von der Arabischen Halbinsel über den gesamten südlichen Mittelmeerraum erstreckt, das sind fast so viele wie Lateinamerika und Afrika. Ein Drittel dieser faszinierenden Kulturzeugnisse ist inzwischen durch Krieg, Gewalt und islamistische Fanatiker beschädigt. Denn in der Arabischen Unruheregion leben zwar nur 5,2 Prozent der gesamten Weltbevölkerung, aber sie ist nach einer Erhebung der "PRIO-Uppsala Armed Conflict Database" Schauplatz von 17 Prozent aller bewaffneten Konflikte des Erdballs.

Und so werden auch traditionelle Urlaubsländer wie Tunesien, Ägypten und der Libanon immer stärker von der grassierenden Gewalt in Mitleidenschaft gezogen. In Tunesien gab es innerhalb von drei Monaten im Bardo-Museum von Tunis sowie im Hotel "Imperial Marhaba" nahe Sousse die beiden schwersten Massaker an ausländischen Touristen in der Geschichte des Landes. Seitdem sind die Strände leer, Großbritannien, Dänemark und Irland forderten vergangene Woche ihre Bürger auf, das Land umgehend zu verlassen. Andere europäische Nationen könnten demnächst folgen. Damit aber steht das kleine Mittelmeerland, das als einzige Nation nach dem Arabischen Frühling nicht in Bürgerkrieg oder Militärdiktatur abgerutscht ist, ökonomisch vor dem Abgrund. Seine Ferienindustrie, in der 400 000 Menschen beschäftigt sind, erwirtschaftete zuletzt rund 15 Prozent des Bruttosozialprodukts.

Auch Ägyptens Ferienindustrie steht auf schwankendem Boden. Erst vor vier Wochen wurde in Luxor ein ähnlich schweres Massaker an Urlaubern, wie jetzt im tunesischen Sousse, nur mit viel Glück und durch die Aufmerksamkeit eines Taxifahrers verhindert. Letztes Wochenende verwüstete eine Megabombe, zu der sich der "Islamische Staat" bekannte, im Zentrum von Kairo das italienische Konsulat. Beide Vorgänge "zeigen, dass auch Touristen und ausländische Institutionen mögliche Anschlagsziele sind", warnte die Deutsche Botschaft in Kairo und forderte alle Deutschen auf, entsprechend vorsichtig zu sein.

Und so ist ein ganzer Kulturraum mit seinen einmaligen Unesco-Welterbestätten mittlerweile dabei, der kulturinteressierten Menschheit verloren zu gehen. Superluxus-Ferien in Dubai oder Abu Dhabi gehen vielleicht noch. Deren Glitzermetropolen jedoch waren vor einem halben Jahrhundert noch keine Perlenfischer-Orte. Das Sultanat Oman, die Heimat von Sindbad dem Seefahrer, ist auf der Arabischen Halbinsel der letzte Geheimtipp, solange der Krieg im Jemen nicht über die Grenze schwappt.

Und in Nordafrika gehört Marokko mit zehn Millionen Besuchern im Jahr bislang zu den beliebtesten Reisezielen. Allerdings stellen junge Marokkaner mittlerweile nach den Tunesiern und Saudis das größte Dschihadisten- kontingent beim "Islamischen Staat".

Unterschiedliche Gefährdungen

Sicherheit Mitten in der Konfliktregion und doch verhältnismäßig sicher: Israel zieht jedes Jahr um die drei Millionen Urlauber an. Allerdings warnt das Auswärtige Amt vor Reisen in den Gazastreifen, Aufenthalten im Grenzgebiet zu Syrien und dem Libanon sowie der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel in Jerusalem. Warnungen gibt es auch für die ansonsten als weitgehend sicher geltende Türkei: Im ganzen Land müsse immer von einer terroristischen Gefährdung ausgegangen werden.

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