Brexit Irland kämpft gegen die Teilung

Armagh / Hendrik Bebber 23.08.2018

In Armagh heißt es, dass jeder Stein den man tritt, eine Geschichte erzählt. Über die vielen irischen Helden zum Beispiel, über Cú Chulainn und Fionn Mac Cumhaill. Es liegen viele Steine auf dem Weg zum Gipfel des Slieve Guillon, von dem man die herbe Schönheit der Berglandschaft bewundern kann. Doch über ihre Geschichten redet dieser Tage kaum noch jemand. Stattdessen sprechen alle über den Brexit, und die Klagen darüber sind in dem Grenzland zwischen der Republik Irland und der britischen Provinz steinerweichend.

Wenig Optimismus

Rund 1,8 Millionen Menschen leben im Norden der Grünen Insel, der zu Großbritannien gehört. Von der Republik Irland trennt sie eine 500 Kilometer lange Grenze, und wie die aussehen soll, wenn der Süden weiterhin zur Europäischen Union gehört, der Norden aber nicht mehr, das weiß hier kein Mensch. Sehr optimistisch ist man jedenfalls nicht.

„Ich kann mir nur schlecht vorstellen, dass es anders als in einem gewaltigen Zusammenbruch enden wird,“ sagt Seamus Murphy. Der pensionierte Wirtschaftsjournalist versorgt seine Landsleute im nordirischen Grenzgebiet über eine eigene Webseite mit Informationen über den Stand der Verhandlungen zwischen London und Brüssel. Murphy misstraut den britischen Versprechen, dass es niemals wieder zu einer harten Grenze kommen wird. „Die im Grunde akademische Debatte um eine harte oder weiche Grenze soll uns nicht blind für die Realität machen. Wenn die Briten den Norden entweder aus dem Binnenmarkt oder der Zollunion lösen, oder sogar aus beidem, droht uns eine massive Störung des wirtschaftlichen Gefüges.“

Schafe weiden mal in Irland, mal in Großbritannien

Denn heute ist die Grenzregion mehr oder weniger zusammengewachsen, Unterschiede lassen sich an einer Hand abzählen: Die Verkehrsschilder weisen in Nordirland die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht mehr in Kilometern, sondern in Meilen aus, in den Kneipen wird statt mit Euro mit Pfund bezahlt. Die Schafe weiden mal in Irland, mal in Großbritannien. „Sie wissen noch nicht, dass sie nächstes Jahr vielleicht kriminelle Grenzverletzer werden“, sagt ein Anwohner. Und auch die Menschen wissen oft nicht genau, in welchem Land sie sich gerade befinden.

Keiner will den Stacheldraht zurück

Das war mal anders. Vor dem Karfreitagsabkommen 1998 wusste jeder genau, wo er sich befand. Conor Patterson, der Leiter des Instituts für Wirtschaftsförderung in dieser Grenzregion, zeigt bei seinen Präsentationen in Brüssel gerne Bilder von Stacheldrahtverhauen, Sandsackbarrieren und hohen Wachtürmen aus Beton. In denen warteten britische Soldaten auf den nächsten Angriff der IRA. Die Grenztruppen konnten nur mit Helikoptern versorgt werden, auf den Zufahrtsstraßen warnten improvisierte Verkehrsschilder „Vorsicht, Scharfschützen am Werk!“. Verhältnisse, die keiner zurückhaben möchte.

Patterson war damals noch ein Kind, doch die Erinnerungen an die Bombenleger und Heckenschützen, an die Razzien der Armee und der Polizei sind nicht verblasst. Wenn er die Familie seiner Mutter in Dundalk auf der anderen Seite der Grenze besuchte, „fuhren wir auf der wegen der vielen Angriffe gefährlichsten Straße Europas. Jetzt ist es eine offene Autobahn.“ Die Hauptverkehrsader zwischen Dublin und Belfast wurde zu 40 Prozent von der EU finanziert.

Fall der Grenze hat einst viel verbessert

Patterson erzählt auch von der Verelendung und der Arbeitslosigkeit, die damals mit 30 Prozent die höchste in Westeuropa war. Heute ist sie auf zwei Prozent gesunken – auch dank der Friedensdividende aus ausländischen Investitionen und der massiven Verbesserung der Infrastruktur durch den Regionalfonds der EU. „Der erstaunliche Wandel hat viele Gründe. Der wichtigste war wohl die Auflösung der Grenze als ein Hemmnis für den freien Verkehr von Gütern und Personen.“

Der Fall der Grenze hat auch das Klima zwischen den protestantischen Unionisten und den katholischen Republikanern stark verbessert. „Seitdem wir uns alle wieder frei bewegen können, sind die Leute viel entspannter was ihre Nationalität anbelangt“, sagt Patterson.

„Schlimme Spaltung“ befürchtet

Die 24-jährige Mary McGirl arbeitet in einer Kulturkneipe im irischen Ballinamore, wo sich die Gäste aus beiden Teilen der Insel mischen. „Ich fürchte, dass der Brexit und eine harte Grenze wieder zu einer schlimmen Spaltung führen. Wir sind so weit gekommen seit dem Karfreitagsabkommen. Und das wird jetzt durch den Brexit unterminiert“, sagt die junge Frau. Und die Jurastudentin Collette McAlister sagt: „Die jungen Iren engagieren sich leidenschaftlich in der Debatte um den Brexit. Es ist ihre Zukunft, die auf dem Spiel steht.“ Einer Meinungsumfrage des „British Council“ zufolge wünschen sich mehr als zwei Drittel der 16-jährigen Nordiren, dass Großbritannien in der EU verbleibt. Nur 14 Prozent halten den Austritt für vorteilhaft.

Wäre es nach den Nordiren gegangen, wäre das Referendum am 23. Juni 2016 ganz anders ausgegangen. 56 Prozent haben sich hier für den Verbleib ausgesprochen. Mittlerweile dürfte die Zustimmung zur EU noch höher sein. Aus den blühenden Weißdornhecken und den Bruchsteinmauern entlang der idyllischen Landstraßen sind überall große Tafeln gewachsen, die daran erinnern, dass der von den „Brexitiers“ ständig erwähnte „Wille des Volkes“ nicht dem Willen im westlichsten Teilstaat des Vereinigten Königreiches entspricht: „Hört auf unsere Stimmen. Respektiert unser Votum. Keine EU-Grenze in Irland!“ heißt die Botschaft der „Grenzgemeinden gegen den Brexit“.

„Alle werden darunter leiden“

Die Handelskammern im nordirischen Newry und der irischen Schwesterstadt Dundalk haben sich einstimmig gegen den Brexit ausgesprochen. „Wir haben eine Botschaft an die britische Regierung und Brüssel: Wenn ihr über den Brexit sprecht, dann könnt ihr nicht nur an Kleinengland denken“, empört sich Paddy Malone. „Es leben nicht nur eine Million Menschen an der Grenze, sondern über sechs Millionen auf dieser Insel. Und alle werden darunter leiden, wenn Großbritannien die EU verlässt.“ Der Chef einer Steuerkanzlei verbringt nun die meiste Zeit damit, seine Klienten auf die Trennung vorzubereiten.

Industrie, Handel und Landwirtschaft in den beiden Teilen Irlands sind eng verzahnt. Seamus Murphy, der pensionierte Wirtschaftsjournalist, kann vor seinem geistigen Auge bereits die endlosen Schlangen der Milchtanker an den Kontrollposten sehen. Fast eine Milliarde Liter Milch werden jedes Jahr zur Veredelung vom Norden in den Süden und umgekehrt gefahren. Falls die Austrittsverhandlungen scheitern, gelten für Nordirland die Regeln der Welthandelsorganisation (WHO) mit Zolltarifen zwischen 40 und 56 Prozent für Milchprodukte. Das würde bei der geringen Gewinnspanne für die Erzeuger den Ruin bedeuten.

Täglich pendeln allein 6000 Personen zwischen Armagh und Louth zum Arbeiten oder zum Einkaufen über die grüne Grenze. Sie hofften bislang vergeblich, dass die Verhandlungen in Brüssel zu einem Ergebnis führen, das ihre lieb gewordene Bewegungsfreiheit nicht wieder empfindlich einschränkt.

May: Für Nordiren wird sich wenig ändern

Premierministerin Theresa May besuchte die Grenzregion zwei Jahre nach dem Referendum, um den dort lebenden Nordiren zu versichern, dass sich wenig an ihrer Situation ändern würde. Für Peter Connolly ist dies zu „spät und zu wenig“. Die Regierungschefin sei hauptsächlich wegen der protestantischen Abgeordneten der Demokratischen Unionistenpartei (DUP) nach Nordirland gekommen, die ihre Minderheitsregierung in London stützt.

Im Gegensatz zu allen anderen Parteien in ganz Irland ist die britischtreue DUP für den Brexit. An ihr scheiterte auch die „Sicherheitsnetz-Lösung“, die Brüssel für die nordirische Situation ausgetüftelt hatte. Sie sieht vor, dass Nordirland vorläufig im Binnenmarkt und der Zollunion verbleibt, bis eine andere Regelung gefunden wird. Doch die DUP und der harte Brexit-Flügel der britischen Konservativen wollen es nicht hinnehmen, dass in der nordirischen Provinz nicht die gleichen Regeln gelten wie im Rest des Vereinigten Königreichs. Das sei ein arglistiger Versuch zur Wiedervereinigung der Insel.

Ein enormer Rückschritt

Paddy Malone führt Besucher gerne an die Gedenktafel, die an die große Rede erinnert, die der damalige US-Präsident Bill Clinton vor 18 Jahren in Dundalk hielt. 60.000 Menschen drängten sich auf den Marktplatz und die Clanbrassil Strasse, um am 12. Dezember 2000 seine Botschaft zu hören: „Glücklicherweise haben die Iren den Mut zum Frieden und zum Neubeginn bewiesen. Die Grenze zu eurer Schwesterstadt und Wirtschaftspartnerin Newry ist nun eine Brücke und keine Barriere mehr.“

Hillary Clinton, die ihn damals begleitete, warnte nun davor, dass der Brexit „den Frieden untergräbt, für den die Leute gestimmt haben. Die Wiedererrichtung einer Grenze wäre ein enormer Rückschritt, den die Geschichte nicht vergeben und vergessen würde.“ Conor Patterson, der so hart für den wirtschaftlichen Aufschwung gearbeitet hat, drückt es schlichter aus: „Meine Ambition ist Stabilität. Wir wollen das Leben wiederhaben, welches wir vor der Brexit-Krise führten.“

Doch bei dem augenblicklichen Engpass und dem Zeitdruck bei den Verhandlungen, erinnert der Weg aus dem Grenz-Dilemma an das irische Sprichwort: „Wenn Gott dich auf eine steinige Straße schickt, so möge er dir dafür wenigstens festes Schuhwerk geben!“

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