"Vorwürfe sind der falsche Ansatz", sagt Hermann Adrian. Wer keine Kinder wolle, dem sei das unbenommen, meint der Professor der Universität Mainz. Natürlich könne auch jeder über sein erwirtschaftetes Einkommen frei verfügen. Nur eines sei unzulässig: Geschenke von den Kindern anderer anzunehmen. Was meint Adrian, der sich seit einem guten Jahrzehnt mit Familienpolitik und dem demografischen Wandel beschäftigt?

Seit Mitte der 1970er Jahre fehlen pro Jahr mehr als 370 000 Kinder. Um die Elterngeneration zu ersetzen, hätten jährlich insgesamt 1,1 Millionen Babys auf die Welt kommen müssen. Da jede Frau aber seit 40 Jahren rein rechnerisch nur rund 1,4 statt 2,1 Kinder gebärt, fehlen inzwischen neun Millionen Minderjährige und fünf Millionen 20- bis 35-Jährige.

Kinder aufwachsen zu sehen, sich um sie zu kümmern, Zuneigung zu schenken und sie zurückzubekommen, ihnen etwas beizubringen, sie beim Lernen zu begleiten und bei der Ausbildung zu unterstützen - das alles sind Gründe, sich für Kinder zu entscheiden. Vieles ist beglückend und anstrengend zugleich, in jedem Fall aber mit hohen Ausgaben verknüpft.

Deshalb wachsen beim Wunsch nach einem zweiten Kind Zweifel. Er bedeutet: längerer Verzicht auf ein zweites Einkommen, Kosten für eine größere Wohnung, ein teureres Familienfahrzeug, Verlust an Ungebundenheit und selbstbestimmter Zeit. Immer mehr Paare entscheiden sich aus diesen Gründen ganz gegen Kinder. Die Folge: Der Mangel an Nachwuchs hebt die Sozialsysteme aus den Angeln und belastet einseitig die Familien.

Beispiel Rente: Die gesetzlichen Ruhestandsgehälter bezahlen die Erwerbstätigen. Dieser ungeschriebene Generationenvertrag funktioniert, wenn jede Frau zwei Kinder zur Welt bringt. Sie finanzieren später die Rente ihrer Eltern. Kinderlose, ob gewollt oder ungewollt, zahlen zwar als Berufstätige Beiträge für ihre Eltern. Sie verzichten jedoch darauf, Nachwuchs großzuziehen, der ihre Alterssicherung abdeckt. Sie müssen davon ausgehen, dass die Kinder anderer Eltern ihren Ruhestand mitbezahlen. Gerecht wäre, sagt Adrian, Familien und Kinderlose kämen für die Kosten im Alter selbst auf.

Wolle man aber das System beibehalten und gerecht gestalten, hieße das: Kinderlose zahlen 7 Prozent mehr in die Rentenkasse, Erwerbstätige mit einem Kind 2,5 Prozent zusätzlich, mit zwei Kindern 1,5 Prozent weniger. Mit drei Kindern erhielten sie 4,5 Prozent Nachlass.

Klassischer Denkfehler, sagen Adrians Kritiker: Nur die Zahl der Erwerbstätigen ist wichtig. Gibt es in Deutschland weiterhin Jobs für 40 Millionen, sind die Rentner versorgt. In diesem Fall müssten aber jetzt sofort 14 Millionen junge Erwachsene zuwandern - vor allem gut Ausgebildete. Die deutsche Bevölkerung nimmt zudem bis 2050 um weitere 20 Millionen ab, selbst wenn jährlich 200 000 Menschen einwandern. Hinzu kommt, dass jetzt bereits 15 Prozent der Neurentner keine Kinder haben, die ihre Alterversorgung bezahlen - Tendenz rasch steigend.

Krankenversicherung: Dafür gilt Ähnliches. Im Schnitt finanzieren die 20- bis 40-Jährigen die Älteren. Rentner kosten die Krankenkassen im Schnitt das Dreifache wie junge Erwachsene. Nimmt deren Zahl ab, steigen die Beiträge. Der Einwand, Kinderlose finanzierten die beitragsfreien Kinder über Steuern mit, trifft nur begrenzt zu. Diese Familienversicherung haben junge Erwerbstätige in vier Jahren zurückgezahlt. Danach profitieren von ihren Beiträge zu 70 Prozent Ältere.

Pflegeversicherung: Hier zahlen Kinderlose 0,25 Prozent mehr Beitrag als Familien. Dabei ist klar: Wer nicht von Kindern betreut werden kann, muss meist im Pflegeheim versorgt werden. Ein Kinderloser mit 3200 Euro Monatseinkommen zahlt in 40 Beitragsjahren 3840 Euro mehr in die Pflegekasse ein als eine Familie. Das reicht für einen Monat Heimaufenthalt. Die übrigen Kosten übernimmt die nächste Generation. Sie wird zudem für ihre eigenen Eltern zahlungspflichtig, wenn deren Rente und Pflegegeld nicht für die Betreuung ausreichen.

Adrians Vorschlag, um Pflegekosten halbwegs gerecht zu verteilen: Kinderlose zahlen in die Pflegeversicherung 2,5 Prozent, für jedes Kind pro Familie wird der Beitrag um 0,5 Prozent gesenkt.

Das Bundesverfassungsgericht hat bereits 2001 gefordert, die Kinderzahl bei allen Sozialbeiträgen zu berücksichtigen. Das ist bis heute - Ausnahme Pflege - nicht passiert.

Einkommensteuer: Familien werden seit 1996 vom Fiskus behandelt wie Ehegatten. Zwei Grundfreibeträge von je 8004 Euro sind steuerfrei. Um das steuerfrei gestellte Existenzminimum (7008 Euro) der Kinder zu berücksichtigen, zahlt der Staat Kindergeld: monatlich 184 Euro für das erste und zweite, 190 Euro für das dritte und 215 für jedes weitere. Das heißt: 70 Prozent des Kindergeldes sind letztlich nichts anderes als Steuerrückzahlungen. Lediglich mit 30 Prozent des Kindergeldes, rund 9,4 Milliarden Euro, fördert der Staat die 17,3 Millionen Kinder, sofern sie unter 18 Jahren oder unter 25 und in Ausbildung sind.

Gerechter wäre es, Einkommen nach der Zahl der Personen zu besteuern, die davon leben. Essen, Wohnen, Kleidung, Sport, Reisen - alles kostet pro Kopf. Heute erreicht eine Familie mit vier Kindern den Spitzensteuersatz von 45 Prozent bei einem Pro-Kopf-Einkommen von 22 500 Euro, ein Kinderloser erst bei 52 882. Ein Familiensplitting würde die ungerechte Besteuerung beseitigen.

Darauf konnten sich die Politiker aller Parteien bis heute nicht einigen. Zu groß ist die Furcht, Wähler zu vergraulen.