Der Angriff gleicht einer Hinrichtung. Die Beamtin Michele Kiesewetter wird auf dem Fahrersitz des Streifenwagens mit einem gezielten Kopfschuss getötet. Kollege Martin Arnold, ebenfalls am Kopf getroffen, überlebt schwer verletzt.

Wer waren die Täter? Was war das Motiv? Um den Heilbronner Polizistenmord vom 25. April 2007 ranken sich zahlreiche Mythen, befeuert von etlichen Ermittlungspannen. Die offizielle Version der  Bundesanwaltschaft lautet: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt haben den Mord alleine begangen – sowie mindestens 15 Banküberfälle, zwei Sprengstoffanschläge sowie neun weitere Morde. Die mutmaßlichen Täter sollen von 1998 bis zu ihrem Tod 2011 von den Behörden unerkannt mit Beate Zschäpe im Untergrund gelebt haben.

Nun rücken gleich zwei Gremien wieder ihren Blick nach Heilbronn: der zweite NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag will sich noch im September mit dem Kiesewetter-Komplex befassen. Am Montag nimmt zudem der zweite NSU-Ausschuss im Landtag seine Arbeit auf.

Die offenen Fragen sind spektakulär, etwa die nach fehlenden Spuren. Carsten Proff, Forensiker des Bundeskriminalamts, wunderte sich vor dem Berliner Ausschuss etwa, dass an keinem der 27 bekannten Tatorte DNA oder Fingerabdrücke des Trios gefunden wurden. Das sei „schon sehr ungewöhnlich“. Vermutlich seien die Täter mit Handschuhen und Sturmhauben geschützt gewesen. In den Akten, die der SÜDWEST PRESSE vorliegen, finden sich dazu aber keine Hinweise. Vielmehr berichten Zeugen von flüchtenden, blutverschmierten Männern – alle normal gekleidet. Erstellte Phantombilder gleichen weder Mundlos noch Böhnhardt.

Der Berliner Ausschussvorsitzende Clemens Binninger (CDU) aus Böblingen sagte kürzlich gegenüber der Frankfurter Rundschau: „Wenn ich die Fakten und Indizien aus Akten und Vernehmungen betrachte, bin ich zutiefst davon überzeugt, dass der NSU nicht nur aus drei Leuten bestand und dass es neben den Helfern und Unterstützern, die angeklagt sind, weil sie Wohnungen, Handys, Waffen beschafft haben, auch Mittäter gab.“

Dem ersten U-Ausschuss in Stuttgart blieb nach dem gescheiterten Experiment mit einer Enquete-Kommission nur ein Jahr für die Beweisaufnahme. Obwohl wesentliche Fragen zum Tathergang nicht geklärt wurden, kamen Ausschussvorsitzender  Wolfgang Drexler (SPD) sowie die Obleute Matthias Pröfrock (CDU) und Nikolaos Sakellariou (SPD) im Januar zum Schluss, dass es keinen Zweifel an der Täterschaft von Mundlos und Böhnhardt gebe. Lediglich Jürgen Filius von den Grünen sah offene Punkte.

Für das neue Gremium wurden die Karten neu gemischt, denn weder Sakellariou noch Pröfrock, die nur die offizielle Anklage-These als die richtige erachten, gehören dem Gremium noch an. Sakellariou scheiterte an der Landtagswahl, Pröfrock an der Nominierung. Das neue Gremium um den wiedergewählten Vorsitzenden Drexler muss wieder viele Akten studieren – sofern sie von den Behörden bereitgestellt werden. Es geht um Kontakte aus dem Umfeld der Getöteten zum NSU. Auch die Rolle des Ku-Klux-Klans mit Sitz in Schwäbisch Hall soll erneut geprüft werden. Mehrere Polizisten hatten Kontakte zum rassistischen Geheimbund, auch ein Kollege von Kiesewetter. Im Fokus wird auch Thomas Richter alias „Corelli“, stehen. Er war Top-V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Mitglied des KKK. Er starb nach offizieller Aussage an einer plötzlichen Diabetes-Erkrankung. Ein Gutachter hat nun aber vor dem Düsseldorfer U-Ausschuss ausgesagt, dass theoretisch auch eine Vergiftung mit Rattengift in Frage kommt.

Damit nicht genug: Offensichtlich wurden vielversprechende Spuren in die organisierte Kriminalität (OK) nicht weiterverfolgt, nachdem die Bundesanwaltschaft den NSU alleine für die Heilbronner Tat verantwortlich gemacht hat. Das geht aus mehreren Akten der Soko „Parkplatz“ hervor. Obwohl Alibis von Beschuldigten nicht eindeutig waren und sie sogar früh Kenntnis über die Heilbronner Tatwaffe hatten, wurden die Ermittlungen gestoppt.

Dazu gehört auch die Auswertung der Funkzellen. 560 000 Rufnummern wurden im Umfeld des Tatorts erfasst. 46 aus dem Bereich OK. Eine Abfrage bei Europol brachte mehrere Kreuztreffer. Doch auch diese wurden nicht weiterverfolgt.

Als ob das nicht genug wäre, gibt es Hinweise auf die Anwesenheit von Agenten am Tatort. Der „Stern“ hatte im Dezember 2011 aus einem mutmaßlichen Protokoll der Amerikaner zitiert. Demnach haben US-Beamte, die einen Islamisten beschatten sollten, den Anschlag beobachtet.

Von den Behörden wurde das Protokoll zwar öffentlich als Fälschung abgetan.  In einem bis 2071 als Verschlusssache eingestuften Schreiben des BND-Chefs an den Präsidenten des Militärischen Abschirmdienstes heißt es allerdings, dass es Hinweise gebe, dass das FBI im Rahmen einer Operation auf deutschem Boden zwei Mitarbeiter „nach dem Vorfall in Heilbronn wieder zurückbeordert“ habe. Dazu kommt, dass an jenem Mord-Tag ein US-Sergeant mit seinem Fahrzeug auf der Autobahn bei Heilbronn geblitzt wurde.