Neue Gesundheits-App Sicherheit von „Vivy“ ist umstritten

Die App soll an Impftermine und Vorsorgeuntersuchungen erinnern. Ein Medikamentencheck soll mögliche Wechselwirkungen anzeigen, nachdem man den Code auf der Packung oder dem Medikationsplan eingescannt hat.
Die App soll an Impftermine und Vorsorgeuntersuchungen erinnern. Ein Medikamentencheck soll mögliche Wechselwirkungen anzeigen, nachdem man den Code auf der Packung oder dem Medikationsplan eingescannt hat. © Foto: Michael Kappeler/dpa
Berlin / dpa, Moritz Clauß 18.09.2018
Eine neue App soll Millionen Versicherten helfen. Doch ein Experte zweifelt daran, dass sie wirklich sicher ist.

Millionen Versicherte sollen ab diesem Montag ihre Gesundheitsdaten über eine neue Handy-App verwalten können. In der digitalen Akte „Vivy“ können etwa Befunde, Laborwerte und Röntgenbilder gespeichert und mit dem behandelnden Arzt geteilt werden, heißt es in einer der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Mitteilung. Dahinter stehen 13 gesetzliche und zwei private Krankenversicherungen mit 13,5 Millionen Versicherten. Das Angebot sei kostenlos.

Patientendaten in der App bündeln

Die App soll an Impftermine und Vorsorgeuntersuchungen erinnern. Ein Medikamentencheck soll mögliche Wechselwirkungen anzeigen, nachdem man den Code auf der Packung oder dem Medikationsplan eingescannt hat. Auch Überweisungen, U-Hefte oder der Mutterpass könnten in der App gebündelt, Fitnesstracker mit ihr gekoppelt werden.

„Vivy wird im Praxisalltag vieles einfacher machen, Doppeluntersuchungen vermeiden helfen und mehr Transparenz für Behandler und Patienten schaffen“, sagte der Vorstandschef der beteiligten Kasse DAK-Gesundheit, Andreas Storm. Die App sei das erste entsprechende Angebot in Deutschland für Millionen Menschen.

„Wenn die Befunde eines Patienten in einer App in Echtzeit zur Verfügung stehen, verbessert das die Patientenversorgung“, bestätigt Hardy Müller, Geschäftsführer des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. Ob die neue App dazu beitragen könne, müsse sie nun zeigen.

Checkliste für Gesundheits-Apps

Müller betont, dass der Datenschutz bei Gesundheits-Apps besonders wichtig ist: „Die Daten der Patienten müssen nach höchstmöglichen Sicherheitsstandards abgelegt werden.“ Es gehe dabei auch um den Schutz der persönlichen Grundrechte: „Die Patienten müssen wissen, welche Daten die Anbieter nutzen und wozu“, so Müller.

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit hat für Nutzer von Gesundheits-Apps eine Checkliste erstellt. Sie klärt darüber auf, welche Chancen und Risiken solche Apps mit sich bringen können. Zahlreiche Stichpunkte sollen dabei helfen, eine App als seriös oder unseriös einzustufen.

Die Anbieter von „Vivy“ geben an, dass die Daten der Nutzer bei ihnen sicher seien. Die Versicherer, der beteiligte IT-Dienstleister Bitmarck oder die Vivy GmbH hätten keinen Zugriff darauf. Die Nutzerdaten würden außerdem nicht auf dem Smartphone, sondern auf Servern in Deutschland gespeichert. Die Übertragung erfolgt den Anbietern zufolge verschlüsselt. Um die eigenen Daten abzurufen, muss der Nutzer in der App sein Passwort eingeben. So soll auch verhindert werden, dass Diebe die Patientendaten auf geklauten Smartphones einsehen können.

Dass die in „Vivy“ gespeicherten Daten wirklich sicher sind, bezweifelt Falk Garbsch, Sprecher des Chaos Computer Clubs (CCC). „Smartphones sind im Gegensatz zu unseren Rechnern zuhause üblicherweise erstaunlich schlecht geschützt“, sagte Garbsch in einem Interview mit dem SWR. Erpresser könnten versuchen, die Verschlüsselung von „Vivy“ zu umgehen, indem sie sich direkt über das Gerät des Patienten Zugang zu den Daten verschafften. Er selbst nutze derartige Gesundheits-Apps deshalb grundsätzlich nicht, so der CCC-Sprecher.

Zum Start haben die Unternehmen, die hinter „Vivy“ stehen, den möglichen Bedarf mit einer Umfrage ermittelt. Mehr als zwei Drittel der Bundesbürger (69 Prozent) wissen laut der Forsa-Erhebung nicht, wann ihr nächster Impftermin ist. 43 Prozent kennen die für sie empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen nicht. Jeder vierte Befragte hat bereits Mehrfachuntersuchungen erlebt, weil Ergebnisse aus anderen Praxen und Kliniken nicht vorlagen. Ein Fünftel der Deutschen wurde deshalb sogar mehrfach geröntgt. Jeder Dritte geht zwischen drei und zehn Mal im Jahr zum Facharzt, 44 Prozent gehen ebenso oft zum Hausarzt.

AOK und TK bieten eigene Apps

Die Kassen preschen mit ihren Angeboten vor. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will, dass gesetzlich Versicherte spätestens ab 2021 generell auch per Handy und Tablet ihre Patientendaten einsehen können.

Eigene Angebote für elektronische Gesundheitsakten hatten bereits die AOK und die Techniker Krankenkasse (TK) vorgestellt. TK-Chef Jens Baas sprach bei der Vorstellung von „TK-Safe“ im April von einer „Revolution“: Daten würden zu neuen hilfreichen Informationen zusammengeführt. Mittlerweile nutzten mehr als 30.000 Versicherte die digitalen TK-Akten, wie Baas der Deutschen Presse-Agentur sagte. „Wir befinden uns derzeit im erweiterten Testbetrieb, da man mit Patientendaten keine Schnellschüsse machen darf.“ Die Resonanz sei positiv, jeden Tag kämen 500 neue Nutzer hinzu. Die Testphase sei auf 100.000 Benutzer ausgelegt.

Die AOK will ihr Gesundheitsnetzwerk nach Pilotprojekten in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin bis Anfang 2019 in den anderen Ländern starten. Je nach regionalen Gegebenheiten soll es unterschiedliche Anwendungen geben.

Die an „Vivy“ beteiligten Versicherungen wollen ihre Kunden ab diesem Montag informieren. An den Start gehen die Allianz Private Krankenversicherung und die Barmenia. Auf Seiten der gesetzlichen Kassen starten außer der DAK-Gesundheit die Innungskrankenkassen IKK classic, IKK Nord, IKK Südwest sowie mehrere Betriebskrankenkassen.

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