Friedensnobelpreis Nadia Murad: Vom Opfer zur Kämpferin

„Ich bin eure Stimme“: Nobelpreisträgerin Nadia Murad.
„Ich bin eure Stimme“: Nobelpreisträgerin Nadia Murad. © Foto: imago/CTK Photo
Oslo / Martin Gehlen, Axel Habermehl 06.10.2018
Die Jesidin Nadia Murad wurde vom IS versklavt. Nach ihrer Flucht wurde sie durch ihren Mut und ihre eine Inspiration für andere.

Im August 2014 brach die Apokalypse über die Jesiden im Irak herein. Horden von Kriegern des „Islamischen Staates“ fielen in ihre Wohngebiete ein. Am schlimmsten traf es das Örtchen Kocho im Sinjar-Tal, aus dem Nadia Murad stammt. Männer und ältere Frauen wurden massakriert, sechs Massengräber fanden drei Jahre später die kurdischen und irakischen Befreier.

Die jungen Frauen verschleppten die Dschihadisten nach Mossul, verkauften sie auf Sklavenmärkten. Nadia Murad landete in den Fängen eines Mannes, der sich Hajj Salman nannte. Drei Monate wurde sie von ihrem Besitzer vergewaltigt, ausgepeitscht und gefoltert, bis ihr eine muslimische Familie helfen konnte, zu fliehen.

Vier Jahre später erhält die 25-Jährige den Friedensnobelpreis, „für ihre Anstrengungen, den Einsatz von sexueller Gewalt als Kriegswaffe zu beenden“, wie das Nobelkomitee seine Entscheidung begründet. Die Information erreicht sie in den USA; frühmorgens gegen 5 Uhr geht die Nachricht der Norweger ein, danach folgen zig Anfragen und Glückwünsche. Schon letztes Jahr galt Murad als Favoritin auf den Preis, dieses Jahr hatte sie, so ist zu hören, nicht damit gerechnet, wurde völlig überrascht.

Zu Tränen gerührt

Murad wurde im Sommer 2015 von Mitarbeitern des Projekts „Sonderkontingent Jesidinnen“ der baden-württembergischen Landesregierung zur Evakuierung ausgewählt. Diese trafen sie in einem geheimen Büro im Irak, Murad lebte damals in einem Flüchtlingslager. Schon damals soll sie klar gesagt haben: „Ich habe überlebt, um zu berichten.“ Sie wollte die Grausamkeiten des IS anprangern. Im Herbst 2015 wurde sie mit ihrer Schwester nach Baden-Württemberg ausgeflogen.

Schon bald machte sich die junge Überlebende zur Aufgabe, offen über das Erlittene und das Los ihrer Leidensgenossinnen zu sprechen. 2016 ernannten die Vereinten Nationen sie zur Sonderbotschafterin für Opfer des Menschenhandels. Er sei vom Schicksal der jungen Frau zu Tränen gerührt gewesen, bekannte damals UN-Generalsekretär Ban Ki-moon, aber auch von „ihrer Kraft, ihrem Mut und ihrer Würde“.

Ihr Schicksal und das ihrer Familie hat Nadia Murad aufgeschrieben in dem Buch „Ich bin eure Stimme“. Ihre Mutter und sechs Brüder überlebten den IS-Terror nicht. Vor dem Wüten der Terrormiliz lebten 550.000 Jesiden im Irak. 100.000 sind inzwischen ausgewandert. 360.000 harren weiter in Container- und Zeltlagern rund um die nordirakische Stadt Dohuk aus. Die meisten wagen sich nicht zurück in ihre Heimat, weil sie ihren einstigen arabischen Nachbarn nicht mehr trauen.

Murad lebt an geheimem Ort in Baden-Württemberg

Auch Nadia Murad  beließ es nach der Befreiung ihres Dorfes bei einem kurzen Besuch. „Der Islamische Staat will die organisierte Zerstörung des jesidischen Volkes“, sagt Nadia Murad. „Alles, was wir wollen, ist unsere Kultur und Religion lebendig zu erhalten und den IS für seine Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.“ Sie reist als UN-Botschafterin durch die ganze Welt, ist aber auch oft in Baden-Württemberg, wo sie an einem geheimen Ort lebt. Man fürchtet, spätestens jetzt nach der Preisverleihung, um ihre Sicherheit.

Doch gibt es für Nadia Murad auch ein anderes Leben. Sie ist frisch verlobt, mit einem Jesiden, der in die USA geflohen ist. Vertraute schildern die Frau, die bei öffentlichen Auftritten oft ernst und traurig wirkt, als sehr verliebt, die Verlobungsfeier sei ein sehr fröhliches Fest gewesen.  Eigentlich plante Murad auch, ihre öffentliche Rolle zu reduzieren und ein neues, privates Leben zu beginnen, vielleicht als Kosmetikerin. Doch nun dürfte der Hype sie überrollen, seit um 5 Uhr morgens ihr Handy „explodierte“.

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