Interview Über Nadia Murad: Vom ängstlichen Mädchen zur Kämpferin

Jan Ilhan Kizilhan ist medizinisch-psychologischer Leiter des Jesidinnen-Projekts in Baden-Württemberg.
Jan Ilhan Kizilhan ist medizinisch-psychologischer Leiter des Jesidinnen-Projekts in Baden-Württemberg. © Foto: Stefanie Järkel/dpa
Stuttgart / Axel Habermehl 05.10.2018
Der Psychologe Jan Ilhan Kizilhan hat Nadia Murad 2015 im Irak kennengelernt – und ihren Weg zur Nobelpreisträgerin verfolgt.

„Nadia Murad kämpft, und das ist beeindruckend“, sagt Jan Ilhan Kizilhan. Der Psychologe aus Villingen-Schwenningen ist medizinischer Leiter des Jesidinnen-Projekts in Baden-Württemberg.

Was ist Nadia Murad für eine Frau?

Jan Ilhan Kizilhan: Auf den ersten Blick ist sie eine junge, etwas unscheinbare Frau, aber sie hat eine unglaubliche Kraft und ein Durchsetzungsvermögen, wie ich es selten gesehen habe.

Wie haben Sie sie kennengelernt?

Ich traf sie 2015 in einem Flüchtlingslager im Irak. Damals war sie ein junges Mädchen, völlig zusammengekrümmt und ängstlich. Und jetzt haben wir hier eine Friedensnobelpreis-Trägerin.

Der IS hat tausende Frauen versklavt und misshandelt. Was ist so besonders an Nadia Murad?

Sie hat früh entschieden und auch gesagt, dass sie nicht mehr Opfer sein will. Das ist mir gleich aufgefallen. Sie wollte kämpfen, sie wollte, dass alle hören und wissen, was ihr widerfahren ist, und sie wollte mehr, als nur in Sicherheit in Deutschland zu leben und einer Behandlung nachzugehen.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe sie 2015 auf Anfrage der US-amerikanischen UN-Botschafterin vorgeschlagen, um nach New York zu fliegen und vor der UN-Vollversammlung zu sprechen. Das hat sie gemacht und dabei hat sie viele Menschen so beeindruckt, dass sie ihre Tränen nicht zurückhalten konnten. 2016 ist sie dann UN-Sonderbotschafterin gegen sexualisierte Gewalt geworden. Sie wurde vom Opfer zur Überlebenden, und heute ist sie eine Aktivistin nicht nur für die Jesiden, sondern für alle Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren. Nadia Murad kämpft, und das ist beeindruckend.

„Sie hört sehr viel zu“

Wie hat sie sich seit 2015 verändert?

Sie kämpft bis heute mit ihren eigenen Erlebnissen. Die kann man nicht so ohne weiteres vergessen, sie wird sie ihr ganzes Leben mit sich tragen. Aber sie ist sicher eine ruhigere Person geworden, eine politischere Frau auch, und sie hat ein Bewusstsein entwickelt, dass nicht nur Jesiden Opfer sind. Sie liest zum Beispiel sehr viel, etwa auch über den Holocaust. Sie versucht, Verbindungen herzustellen und Erklärungen zu finden, warum all das ihr und ihrem Volk passiert ist. Außerdem ist sie weltweit unterwegs und hört sehr viel zu. Es gibt heute keinen Premierminister und keinen Präsidenten auf der Welt, den Nadia Murad nicht gesehen hat.

Sie sind weiter im Irak aktiv, waren auch gerade erst dort. Wie ist die Lage?

Positiv ist, dass der IS die Region nicht mehr besetzt hält und seinen Terror verbreitet. Aber er ist noch da, vor allem in bestimmten Gebieten. Die Situation in den Flüchtlingslagern, in denen mehr als 300.000 Menschen leben, hat sich leider nicht verbessert. Es muss eine politische Lösung her, damit die Menschen zurück in ihre Wohnorte können, die meist völlig zerstört sind.

Wie könnte so eine politische Lösung aussehen?

Man könnte eine Art „Afghanistan-Konferenz“ für das Sindschar-Gebiet einberufen, das Gebiet der Jesiden. Und man könnte, nun vielleicht auch mit Hilfe von Nadia Murad, versuchen, die völlig zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen, damit die Menschen zurückkehren können.

Was denken Sie, wie es für Nadia Murad weitergeht?

Frau Murad wird in der nächsten Zeit viel Stress haben. Sie wird viele Einladungen bekommen, jeder will sie sprechen, Agenten werden versuchen, Bücher für sie zu schreiben oder sie zu überzeugen, dass sie selbst Bücher schreibt. Das wird sich alles legen. Aber Nadia Murad ist nun eine historische Figur, auch für Deutschland und Baden-Württemberg: unsere erste Friedensnobelpreis-Trägerin in Baden-Württemberg, die erste Kurdin, die diesen Preis bekommen hat und die erste Jesidin. Insofern hat sich heute Morgen um 11 Uhr das Leben von Nadia Murad völlig verändert.

Das könnte dich auch interessieren:

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel