Mesale Tolu Nach Rückkehr: Mesale Tolu meldet sich zu Wort

Stuttgart / Christoph Mayer 27.08.2018

Die Gefühlsachterbahn der vergangenen 17 Monate, die Ängste um ihr Kind und um ihren Mann, der noch in den Fängen des türkischen Staates ist: Nichts davon ist Mesale Tolu anzumerken, als sie gestern Nachmittag – gerade gelandet – die Pressekonferenz im Sky Office des Stuttgarter Flughafens eröffnet. Das Medienaufgebot ist riesig,  und im Verlauf der gut dreiviertelstündigen Veranstaltung wird die 34-jährige Journalistin mit Ulmer Wurzeln einräumen, dass es „schon ein bisschen ungewohnt ist, auf der anderen Seite zu stehen“, sprich: nicht die Fragen zu stellen, sondern sie zu beantworten. Doch die zierliche Frau in den weißen Jeans und der schwarzen Bluse tut das erstaunlich professionell und beinahe ohne jeden Anflug von Emotionalität. Fast so, als habe sie sich mental auf das unvermeidliche Blitzlichtgewitter und die im Dutzend auf sie gerichteten Mikrophone vorbereitet.

„Liebe Kollegen“, begrüßt sie die Presse, um dann im Schnelldurchlauf die zurückliegenden Monate Revue passieren zu lassen: Wie vermummte türkische Polizeikräfte Ende April 2017 im Morgengrauen ihre Istanbuler Wohnung stürmten und dreieinhalb Stunden lang durchsuchten, ihrem damals zweijährigen Sohn Serkan eine Waffe vors Gesicht haltend; wie sie selbst beschimpft und zu Boden gedrückt wurde; wie sie sieben Tage ohne Anhörung in Polizeigewahrsam verbrachte, während ihr Kind von unbekannten Nachbarn beherbergt wurde; wie sie als deutsche Staatsbürgerin acht Monate, die meiste Zeit mit Serkan, in einer Gemeinschaftszelle im Istanbuler Frauengefängnis Bakirköy in Untersuchungshaft saß. „Die Vorwürfe waren bodenlos, total aus der Luft gegriffen“, sagt Tolu,  die für die regierungskritische türkische Nachrichtenagentur ETHA als Übersetzerin und Reporterin gearbeitet hat.

Es folgte eine Aussetzung des Haftbefehls kurz vor Weihnachten, verbunden mit einer Ausreisesperre und wöchentlicher Meldepflicht. Und dann vor wenigen Tagen die überraschende Ausreisegenehmigung. Doch Tolu macht klar, dass  dies für sie kein Happy-End ist: „In der Türkei sitzen nach wie vor tausende Menschen unschuldig in Haft – Journalisten, Rechtsanwälte, Studenten, Oppositionelle. Deshalb ist es nicht so, dass ich mich über meine Ausreise freue. Ich kann nicht sehen, dass sich etwas zum Besseren gewendet hat.“

Am 16. Oktober wird der Prozess gegen sie und mehr als ein Dutzend weitere Angeklagte, darunter auch ihr Ehemann Suat Corlu,  fortgesetzt. „Terrorismusunterstützung“ beziehungsweise „Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung“ wirft die türkische Justiz ihnen vor. Im Falle einer Verurteilung stehen darauf jeweils bis zu 20 Jahre Haft. Erneut bekräftigt Tolu, dass sie trotz des für sie großen Risikos am Prozess teilnehmen will. „Ich bin erstmal ein bisschen mutig.“ Zumindest an den ersten Verhandlungstagen und sofern ihre Anwälte ihr nicht total davon abraten, wie sie relativiert. „Ich weiß, dass die Türkei kein Rechtsstaat ist. Aber ich denke nicht, dass sie genug in der Hand haben, um mich erneut festzuhalten.“

Bei aller Kritik am türkischen Staat macht Tolu deutlich, dass sie Verständnis für die Menschen dort hat – selbst für jene, die Erdogan und seine Partei, die AKP gewählt haben. „Die Medien sind mittlerweile gleich geschaltet. Es gibt fast nur noch Mainstream. Die meisten Leute bekommen gar nicht mit, was mit der Opposition passiert.“

Das ist auch ein Grund, weshalb sie sich in den kommenden Monaten von Deutschland aus weiter journalistisch engagieren will – soweit ihr dies möglich ist. „Ich finde es wichtig, dass alle, die Repressalien am eigenen Körper gespürt haben, sich für jene einsetzen, die dasselbe erleben.“ Allerdings möchte sie in den nächsten Wochen erst einmal so viel Zeit wie möglich mit ihrer in Neu-Ulm lebenden Familie verbringen – und endlich runterkommen. „Gesundheitlich geht es mir zwar gut, aber ich muss das alles erst einmal verarbeiten.“

Auch für ihren in Neu-Ulm geborenen Sohn beginnt nach all dem Trubel eine neue Zeit. Gleich nach den Sommerferien wird er in einen örtlichen Kindergarten gehen, der Platz ist reserviert. Die Mutter weiß, dass das für den kleinen Serkan gar nicht so leicht werden dürfte. „Er hat die deutsche Sprache verlernt.“

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