Havanna Nach beinahe 1000 Jahren: Ende einer Eiszeit

BETTINA GABBE STEFAN SCHOLL 12.02.2016
Fast 1000 Jahre herrschte Funkstille. Am Freitag jedoch treffen sich das Oberhaupt der katholischen Kirche und der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill in Kuba. Es ist eine Begegnung in politisch schwieriger Zeit.

Die Beobachter in Moskau sind sich einig: Patriarch Kyrill wird Papst Franziskus nicht die Hand küssen. Aber man diskutiert, ob sich die beiden mit einer brüderlichen Umarmung, einem dreifachen Kuss nach orthodoxer Sitte oder einem eher kühlen Händedruck begrüßen werden. Am Freitag jedenfalls begegnen sich auf dem Flughafen von Havanna die Oberhäupter der katholischen und der russisch-orthodoxen Kirche. Eine "historische Zusammenkunft", heißt es auf beiden Seiten - seit der Spaltung zwischen ost- und weströmischer Kirche vor 962 Jahren ist es die erste Begegnung auf dieser Ebene.

Mehr als 20 Jahre mühte sich der Vatikan um ein Zustandekommen, das Moskauer Patriarchat lehnte lange ab. Dort ärgerte man sich über das Wirken polnisch-katholischer Missionare in Russland und über die Unterstützung Roms für die romtreue griechisch-katholische Kirche in der Westukraine im Streit um zahlreiche Gebetshäuser nach dem Ende der Sowjetunion.

Dass man jetzt auf höchster Ebene doch miteinander spricht, erklärt die orthodoxe Geistlichkeit mit der Not der Christen in den syrisch-irakischen Kriegsgebieten. "Unser Brüder im Nahen Osten durchleben eine Tragödie, die man mit vollem Recht als Glaubensverfolgung bezeichnen kann, manchenorts sogar als Völkermord", erklärt der orthodoxe Theologe Stefan Igumnow dem Portal pravoslavie.ru. Beide Kirchenführer seien sich bewusst, dass sie sich einmischen müssten.

Nicht nur in Moskau wird spekuliert, ob Patriarch Kyrill mit diesem Thema diplomatischen Flankenschutz für die russische Militärinvention in Syrien leisten soll. "Die Kritik an den russischen Bombenangriffen in Syrien, die westliche Sanktionen - natürlich kommt das Treffen in einem Moment zustande, in dem Russland unter Druck steht", sagt der italienische Osteuropaexperte Guiseppe D'Amato unserer Zeitung. "Man fragt sich unwillkürlich, ob nicht wieder Putin dahintersteht."

Wladimir Legoida und Dmitri Peskow, die Sprecher des Moskauer Patriarchats und des Kreml, versicherten schon, der russische Staat habe sich in keiner Weise an der Organisation des Treffens beteiligt. Aber alle Seiten behandeln es wie ein Supergipfeltreffen nach langer politischer Eiszeit. Laut Protokoll werden Papst und Patriarch 15 Minuten vor der Presse posieren, sich dann zu einem dreistündigen Gespräch zurückziehen, schließlich eine Erklärung veröffentlichen, auf die sich beide Seiten in Grundzügen geeinigt haben. Katholische Kirchenvertreter äußern die Hoffnung, das Treffen werde zum Beginn eines neuen Dialogs und einer Annäherung beider Konfessionen.

Russisch-orthodoxe Priester dagegen betonen, Glaubensfragen stünden nicht zur Debatte, es werde auch kein gemeinsames Gebet geben. Der Moskauer Religionswissenschaftler Andrei Subow bezweifelt, dass Kyrill viel über Politik reden wird. "Es ist klar, dass auch Papst Franziskus der Einfluss fehlt, um die Probleme zu lösen, die Putin zur Zeit hat." Der Patriarch habe vielmehr festgestellt, dass die Häupter aller anderen orthodoxen Kirche längst im Dialog mit Rom stünden, während er selbst drohe, aufs Abstellgleis zu geraten.

Kuba als Treffpunkt ist für beide Kirchenmänner geeignet. Die Insel verfügt traditionell über gute Beziehungen zu Moskau. Gleichzeitig erinnert Havanna auch daran, dass Franziskus im vergangenen Jahr die nicht minder historische Aussöhnung zwischen den Erzfeinden Kuba und den USA vermittelt hat. So wird die Begegnung der beiden Kirchenführer auch in die Vereinigten Staaten hineinwirken, zu denen der Vatikan intensive Beziehungen pflegt. Denn das eigentliche Ziel des Vatikans auf weltpolitischer Ebene ist die Annäherung der Großmächte USA und Russland.

Von Havanna fliegt der Papst weiter nach Mexiko-Stadt, wo er einen sechstägigen Aufenthalt im bevölkerungsreichsten spanischsprachigen Land der Welt beginnt. Von der Hauptstadt aus bereist Franziskus fünf symbolträchtige Orte. Begleitet wird der Besuch von einem massiven Sicherheitsaufgebot von Polizei und Militär.

Nach einem Gottesdienst im größten Marienheiligtum der Welt in Guadalupe am Samstag als religiösem Höhepunkt der Reise stehen an den folgenden Tagen Städte auf dem Programm, die vor allem mit Gewalt, Unterdrückung und Ausgrenzung in Verbindung gebracht werden. So reist Franziskus unter anderem in die Millionenstadt Ecatepec, die mit einer Serie von Morden an Frauen landesweit Schlagzeilen machte.