Bildung Muttersprachlicher Zusatzunterricht ohne staatliche Kontrolle

Stuttgart / Elisabeth Zoll 12.10.2017
Vorbehalte gegen muttersprachlichen Konsulatsunterricht. Gewerkschaft GEW fordert Integration der Kurse in das staatliche System.

Von einer „Normalität“, wie sie sich der türkische Außenminister Melvüt Cavusoglu  wünscht, sind die deutsch-türkischen Beziehungen weit entfernt. Seit Präsident Recep Tayyip Erdogan versucht, eine Türkei nach seinen autoritären Vorstellungen zu schmieden, ist Berlin alarmiert. Keinesfalls soll geduldet werden, dass Erdogan noch mehr Einfluss auf in Deutschland lebende Türken nimmt. Möglichkeiten gibt es.  Etwa über den muttersprachlichen Konsulatsunterricht. Nachdem er jahrzehntelang öffentlich kaum beachtet wurde, gibt es nun Vorbehalte. Heute will sich die Kultusministerkonferenz einen Überblick über die Situation in den Bundesländern verschaffen.

Anstoß ist möglicherweise eine Beschwerde der Berliner Bildungsverwaltung. „Deutlich religiöse und deutlich nationalistische Inhalte“ würden im Konsulatsunterricht vermittelt, beklagte Bildungs-Staatssekretär Mark Rackles (SPD).

„Keine Auffälligkeiten“

Noch steht er damit allein.  „Uns sind keine entsprechenden Vorfälle bekannt“, räumt Matthias Schneider ein, Sprecher der Erziehungsgewerkschaft GEW in Baden-Württemberg. Auch das Kultusministerium in Stuttgart winkt ab: „Keine Auffälligkeiten“. Diese habe es zur Zeit des Türkei-Referendums gegeben, sagt Pressereferent Florian Gleibs. Darauf habe man reagiert.

Bleibt die Frage, ob das 1977 eingerichtete Unterrichtsmodell noch zeitgemäß ist. Damals sollten Kinder sogenannter EU-Wanderarbeiter befähigt werden, in die Heimat der Eltern zurückzukehren. Diese Motivation ist heute nicht mehr relevant. Dennoch werden in Baden-Württemberg Schüler aus 14 Ländern separat in ihrer Muttersprache unterrichtet. Sie kommen aus Griechenland, Bosnien, dem Kosovo, Kroatien… Die größte Gruppe stellen Türken. 24 500 Kinder und Jugendliche besuchen derzeit türkischen Zusatzunterricht. Lehrer, die von Ankara bezahlt für fünf bis sieben Jahre entsandt werden, vermitteln Grammatik, aber auch Geschichte und Kultur des Landes.

Ein Erregungsthema war das bisher nicht. Der vereitelte Putschversuch im Sommer 2016 hat das verändert. Verhaftungswellen schwappen seither über die Türkei. Sie erfassten auch zehntausende Lehrer,  denen eine zu große Nähe zum Prediger Fethullah Gülen oder eine zu große Distanz zu Staatschef Erdogan nachgesagt wurde. Auch inhaltlich steuert Ankara um. Naturwissenschaften, Philosophie  und Kunst werden im Unterricht zurückgefahren.  Religion, islamische Werteerziehung und Landesgeschichte, wie Erdogan sie versteht, wurden aufgewertet.

Ausgrenzung statt Integration?

Das könnte Auswirkungen haben bis nach Deutschland.  Kritiker des Angebots befürchten, dass der Zusatzunterricht mehr ausgrenzt als integriert.  Matthias Schneider moniert darüber hinaus die fehlende Aufsicht:  „Der Konsulatsunterricht ist außen vor.“  Zwar sei nicht jeder von den Konsulaten angebotene Kurs schlecht. „Aber es kann nicht sein, dass sich ein Unterricht der Qualitätskontrolle des Staates entzieht.“ Die GEW dringt darauf, muttersprachlichen Unterricht in die Schule zu integrieren.

 Dafür mangelt es an Lehrern und an Geld. Für Unterricht unter staatlicher Verantwortung müsste das Land rund 60 Millionen Euro jährlich aufbringen, bestätigt Florian Gleibs. Derzeit beteiligt sich das Land mit einem Zuschuss von 1,1 Millionen Euro an den Kosten für alle 850 Kurse.  Ob es dabei bleibt oder andere Finanzierungsmodelle ins Auge gefasst werden, auch darüber soll bei der Ministerkonferenz gesprochen werden. „Es war der explizite Wunsch von Kultusministerin Susanne Eisenmann, ein umfassendes Stimmungsbild zu ermitteln“, sagt Florian Gleibs. Ausgang offen.