Pro und Contra Pro & Contra: Muss Digitalisierung in den Schulen sein?

Berlin / Igor Steinle und André Bochow 12.12.2017
Tablets sollen den Schulunterricht bereichern. Mit ihnen sollen Kinder auf moderne Medien vorbereitet werden. Doch macht die Digitalisierung des Unterrichts Kinder wirklich schlau? Ein Pro und Contra.

Pro von Igor Steinle
Viele Kinder, die dieses Jahr eingeschult wurden, werden Berufe ausüben, die es noch nicht gibt. Andere werden noch stärker digitalisiert werden: Bauarbeiter werden mit virtuellen Zwillingen ihrer Baustellen umgehen müssen und Ärzte mit Algorithmen, die ihre Diagnose unterstützen.

Sollte es nicht Aufgabe der Schulen sein, Kinder für diese Zukunft vorzubereiten? Tatsächlich aber sind laut einer Studie 30 Prozent aller Schüler digitale Analphabeten. Das kann nicht Anspruch eines Landes sein, das wirtschaftlich und technologisch Schritt halten will mit den Besten der Welt. Es geht nicht darum, den Schulalltag auf Teufel komm raus zu digitalisieren. Was analog Sinn macht, soll analog bleiben. Handschrift und eine korrekte Rechtschreibung sind Kulturtechniken, die es zu bewahren gilt. Je mehr unser Leben von Algorithmen bestimmt wird, desto dringlicher müssen aber auch Programmiersprachen Kulturtechnik werden.

Möglichkeiten, Unterricht zu bereichern und an die Lebenswirklichkeit der Schüler anzupassen, gibt es viele: You-Tube-Lernvideos und interaktive Lernplattformen sind zwei Beispiele. Und auch Lehrer könnten profitieren, wenn sie auf eine Plattform mit den besten Unterrichtsmaterialien ihrer Kollegen zurückgreifen könnten.

Ohne Unterstützung seitens der Politik wird das nicht gelingen. Die Schulen sind in einem derart desolaten Zustand, dass selbst der milliardenschwere Digitalpakt von Bund und Ländern nicht reicht, diese Aufgabe zu bewältigen. Es sei denn, Lern-Tablets sind dafür da, sich vor dem Putz zu schützen, der in manchen Schulen von der Decke fällt.

Contra von André Bochow
Schüler leiden heute nicht unter einem Mangel an Digitalisierung, sondern unter einem Übermaß. Manche sprechen sogar von digitaler Demenz, weil die permanente Übergabe von Denkvorgängen an Rechner, Google und die sogenannten sozialen Netzwerke das Hirn schrumpfen lässt. Selbst wenn das nicht oder nur teilweise zuträfe, bleibt doch die Frage, was an unseren Schulen besser wäre, wenn dort verstärkt auf Bildschirme geblickt und über Tablets gewischt würde? Kompetenzvermittlung kommt da häufig als Antwort. Kompetenz wird wie ein Zauberwort gehandelt. Und zwar als Gegenstück zum Wissen.

Blöd nur, dass die lieben Kleinen und die Pubertierenden oft nicht einmal richtig lesen können. Gerade erst wurde das furchterregende Lesevermögen deutscher Schüler in einer Studie offenbar. Unternehmen beklagen die mangelhaften Rechenkenntnisse von Schulabgängern, und Uni-Professoren, dass bei ihren Studenten kaum ein Minimum an Wissen über Literatur, Kunst, Natur, Statistik oder Politik vorhanden sei. Geschichtliche Zusammenhänge sind vielen jungen Menschen so wenig vertraut, dass man sie für Außerirdische halten könnte.

Was unsere Heranwachsenden nicht lernen müssen, das ist die Handhabung digitaler Geräte.  Aber wenn sie beim permanenten Blick auf ihr Smartphone gegen einen Baum laufen, wissen sie wahrscheinlich nicht einmal, dass es einer ist. Geschweige denn, welcher. Wir brauchen echte Bildung. Wer nichts weiß, findet auch im Internet nichts. Wenn naive Digital Natives auf analoge Wirklichkeiten treffen, kann das ganz böse enden.

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