Es ging ihnen um die Familienehre: Weil er angeblich die eine junge Frau vergewaltigt hatte, töteten deren Vater und Bruder sowie zwei Helfer in Neuenburg einen 27-jährigen Mann – mit 23 Messerstichen. Acht Monate lang hatte das Landgericht Freiburg den Mord aus Rache verhandelt. Am Montag fiel das Urteil: Der 18-jährige Sohn erhält eine Jugendstrafe von acht Jahren, sein 48-jähriger Vater muss lebenslang in Haft. Zwei Mitangeklagte wurden wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu kürzeren Haftstrafen verurteilt.

„Der Vater war mit der Tötung zur Wiederherstellung der Familienehre einverstanden. Er wusste, dass sein Sohn den Mann umbringen werde – und er hatte selbst Rachegefühle“, begründete der Vorsitzende Richter der Großen Jugendkammer, Stefan Bürgelin, das Urteil. Der aus dem Libanon stammende und schon lange in Müllheim lebende 48-Jährige habe seinen Sohn nicht vor der Tat am 16. Juni 2014 in die Schranken gewiesen. Auch am Tatort habe er ihn nicht von dem „Akt der Selbstjustiz“ abgehalten.

Vielmehr habe er seine eigene Gewaltbereitschaft schon auf dem Polizeirevier in Müllheim erklärt, als seine Tochter am 12. Juni 2014 dort anzeigte, sie sei von dem 27-Jährigen vergewaltigt worden. Nach der Tat hatte er der Polizei Tatenlosigkeit vorgeworfen. Er sei stolz auf seinen Sohn sei. Gleichzeitig behauptete er allerdings, er habe von der geplanten Ermordung des jungen Mannes nichts gewusst.

Die Polizei war es im Gegensatz zum damals 17-jährigen Sohn und dessen mitangeklagten 21- und 19-jährigen Freunden nicht gelungen, den per Haftbefehl gesuchten 27-Jährigen zu finden. Dabei hätte der Polizei wissen müssen, dass er bei der Mutter im Elsass gewohnt habe, sagte die Schwester des Ermordeten. Nicht die einzige Kritik an der Polizei während des Prozesses: Die Anwälte des Vaters und des Sohnes hatten kritisiert, dass die Beamten den beiden bei deren Vernehmung trotz eindeutiger Bitten keinen Anwalt vermittelt hatte.

Bürgelin kritisierte nur an einer Stelle die Polizeiarbeit: Im Fall des Sohnes hätten die Beamten einen Ergänzungspfleger beiziehen müssen, was nicht geschehen ist. Dieser Verstoß sei aber weder vorsätzlich noch willkürlich erfolgt. Er sei allein der unübersichtlichen Lage zur Nachtzeit geschuldet gewesen, so Bürgelin. Was Vater und Sohn damals ohne anwaltliche Beratung ausgesagt haben, könne entgegen der Auffassung der Verteidiger im Prozess verwendet werden.

Der 18-Jährige wurde wegen Mordes aus Heimtücke schuldig gesprochen. Er hatte sein späteres Opfer durch einen der Mitangeklagten auf den Pendlerparkplatz vor der Neuenburger Rheinbrücke locken lassen, wobei es um ein angebliches Haschischgeschäft ging. Der junge Mann habe die Vergewaltigung seiner Schwester als schweres Unrecht an einer ihm besonders nahestehenden Person gesehen, so das Gericht.

Die Richter bezweifeln aber, dass er sich als Vollstrecker eines Todesurteils gesehen und so über die Rechtsordnung gestellt habe. Nur in diesem Fall wäre ein Mord anzunehmen. Beim Vater sah das Gericht dagegen Heimtücke und niedrige Beweggründe als gegeben an.

Fünf Jahren Haft erhielt der 21-jährige Mitangeklagte, der bei der Suche nach dem mutmaßlichen Vergewaltiger geholfen und ihn am Tatort festgehalten hatte. Mordvorsatz könne man ihm nicht nachweisen, aber Körperverletzung mit Todesfolge. Ähnliches gilt für einen 19-jährigen Mitangeklagten, der zu einer zweijährigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt wurde: Er hatte den 27-Jährigen auf den Parkplatz gelockt, ohne die Tötungs-Pläne zu kennen. Die Verteidiger der Mitangeklagten wollen gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen.

Nur der Staat darf strafen

In Rechtsstaaten ist das Verfolgen von Straftätern den Behörden vorbehalten. Das illegale Töten oder Misshandeln eines mutmaßlichen Verbrechers nennt man Lynchjustiz. Oft nimmt eine aufgebrachte Menge die Bestrafung gemeinsam in die Hand, weil sie die Behörden für zu lasch oder zu langsam hält. Wer zur Selbstjustiz aufruft, wird genauso bestraft wie derjenige, der selbst tötet oder verletzt.