Mit Leibwächter im Regenwald

TANJA WOLTER 15.10.2012
Hunger und Elend, Gewalt und Korruption: Auch Zentralamerika kennt, was viele sonst mit Afrika verbinden. In Guatemala riskiert ein Pfarrer im Kampf für die Lebensgrundlagen eines Maya-Volks täglich sein Leben.

Als José Pilar Alvarez Cabrera seine Geschichte von Leben oder Tod erzählt, regnet es zum ersten Mal seit zwei Monaten. Don Pilar, wie alle den Pfarrer nennen, sitzt auf der Veranda seines Hauses im Dorf La Tramentina. Der 50-Jährige ist erleichtert über das Wasser, das durch das geflochtene Dach tropft und die Dürre beendet. An der Wand hängen alte Schwarz-Weiß-Porträts von seiner Tante, seinem Onkel, zwei Cousinen und einem Cousin. Sie wurden 1976 im guatemaltekischen Bürgerkrieg verschleppt. Aber das ist eine andere Geschichte von Leben und Tod.

Don Pilar schildert seinen Kampf für die Lebensgrundlagen der Kleinbauern in den Granadillas, einem 400 Quadratkilometer großen Gebirgszug nahe der Kleinstadt Zacapa. Es ist ein friedlicher Kampf um den Regenwald und seine Quellen, die für die Chortí - eines von 22 Maya-Völkern - und ihre Felder existenziell sind. Doch Regenwaldschützer und Menschenrechtler wie Don Pilar leben in Guatemala gefährlich. Nicht nur Drogenclans und marodierende Banden machen das Land zu einem der blutigsten des amerikanischen Kontinents. Auch Großgrundbesitzer und bestochene Beamte schreiben ihr eigenes Recht.

An einem Sonntag im Januar 2009 hing Don Pilars Leben nur noch an einem seidenen Faden. "Mein Mörder wartete schon im Gefängnis", ist er sich sicher. An jenem Tag wurde der Pfarrer der Lutherischen Kirche Guatemalas (ILUGUA) nach dem Gottesdienst festgenommen. Nicht von Uniformierten, sondern von schwer bewaffneten Zivilpolizisten. Rädelsführerschaft lautete der Hauptvorwurf. Vorausgegangen war eine Sitzblockade der Bauern, die Holztransportern den Weg aus dem Wald abschnitt. "Ich habe geahnt, dass mich Schlimmes erwartet", sagt Don Pilar.

Vor dem Haftrichter gab der Geistliche an, schwer zuckerkrank zu sein. Eine Lüge. Aber statt ins Gefängnis von Zacapa ging es zunächst zur Blutabnahme. Inzwischen harrten hunderte Bauern vor dem Gebäude aus, in Deutschland wurden "Brot für die Welt" und die Evangelische Landeskirche Württemberg - Don Pilars Hauptgeldgeber - aktiv, das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft intervenierten. Die Menschenmenge und der internationale Druck waren wohl ausschlaggebend, dass der Haftbefehl in Hausarrest umgewandelt und später ganz aufgehoben wurde.

Don Pilar setzt seinen Kampf bis heute fort - und riskiert Tag für Tag sein Leben. Hinten auf seinem Pick-up sitzt Castro mit seinen spitzen Lederstiefeln, einer seiner vier Leibwächter, die ihm der Staat nach dem Vorfall 2009 bewilligt hat. Dass die Behörden einerseits Regenwaldschützer kriminalisieren, Don Pilar aber Schutz gewähren, ist eines von vielen Rätseln in dem Land. Castro ist ein freundlicher Mensch, er lächelt und grüßt. Seine Waffe versteckt er normalerweise unter der Kleidung. Doch heute trägt er die 9-Millimeter-Beretta und drei Patronenmagazine für jeden sichtbar am Gürtel. "Jederzeit schussbereit" bedeutet das in Guatemala.

Die Fahrt mit dem Pick-up führt von La Tramentina aus im Schritttempo zwei Stunden lang über eine lehmige Buckelpiste zu einer "Casa Campesina", ein Lehrort für Bauern in den Bergen. Don Pilar, der sonst gerne scherzt und sich seinen Humor trotz permanenter Bedrohung und kräftezehrendem Einsatz bewahrt hat, ist angespannt. Seine Gegner hätten es bei dieser Geschwindigkeit besonders leicht. Zudem befindet sich in dem Gebiet rund um das Dörfchen Matasana seit kurzem eine Jugendbande auf Raubzug. Die geplante Übernachtung in der Hütte wird abgeblasen. Aber zumindest der Tag soll genutzt werden, um Bergbauern zu besuchen, die auf nachhaltige Landwirtschaft umgestellt haben. Das ist das eigentliche Anliegen der Kirche ILUGUA: Kleinbauern zu befähigen, ihre Erträge im Einklang mit der Natur - ohne künstlichen Dünger oder Rodung - zu verbessern und sich von Monokulturen, die bei Missernten automatisch zu Hungersnöten führen, zu verabschieden.

Auch Don Pablos Familie kennt den Hunger. Doch jetzt strahlt der Chortí-Bauer über das ganze Gesicht. Seine Schwägerin Carmen tischt Maistortillas, Bohnen und Reis auf, zubereitet über offenem Feuer in einem Bretterverschlag, der Küche. Don Pablo stellt eine große Schüssel mit Bananen auf den Tisch, später holt er Orangen vom Feld. Sein Lachen entblößt ein schneeweißes, tadelloses Gebiss. Zwei Kinder, drei und eineinhalb Jahre alt, hat der 30-Jährige mit seiner Frau Ines. Und die bekommt er inzwischen ganz gut über die Runden. "Ich produziere mit den neuen Methoden deutlich mehr", sagt Don Pablo voller Stolz. Die nachhaltige Bewirtschaftung seiner Miniparzellen hat ihm vor sechs Jahren Don Eduardo beigebracht, der Bruder von Pfarrer Pilar. Jetzt gibt Pablo als einer von 24 "Promotern" der ILUGUA sein erlerntes Wissen an andere weiter - nach dem Prinzip "Von Bauer zu Bauer".

Bei der Besichtigung der Felder wird klar: Mit Ackerbau im klassischen Sinne hat das Bauernleben in den Granadillas nichts zu tun. An den abschüssigen Hängen mitten im Wald werden viele Kulturpflanzen erst auf den zweiten Blick sichtbar. Durch dichtes Gestrüpp geht es steil bergab. Doch immer wieder bleibt Don Pablo stehen und präsentiert im Blätterdickicht, was sein Land inzwischen alles hergibt: Mais, Zwiebeln, Radieschen, Reis, Kaffee, Orangen, Bananen und Papayas. Feierlich stellt er sich auf seinen meterhohen Komposthaufen, gedüngt wird aber auch mit pulverisiertem Hühnerkot oder Ausscheidungen von Blattschneideameisen.

Obwohl das Bergmassiv "Las Granadillas" in einer der heißesten und trockensten Zonen von ganz Mittelamerika liegt, regnet es auf der Höhe von Matasana häufig. Dafür sorgt auch der Regenwald. Und er ist die Basis für die Quellen ganz oben in den Bergen, aus denen die Kleinbauern ihr Trinkwasser beziehen - ein sensibler Kreislauf. Umso mehr alarmiert der Anblick auf der Rückfahrt: Ganze Berghänge sind abgeholzt, in 75 Jahren gingen hier 70 Prozent des tropischen Waldes verloren. Die Folgen: Erdrutsche, Wassermangel, Versteppung. Tag für Tag sägen Holzhändler und Viehzüchter an der Lebensgrundlage der Chortí-Familien.

In seiner Existenz bedroht ist auch das Dorf Las Flores zwischen Zacapa und Chiquimula. In dem abgelegenen Gebiet sind rund 400 Menschen zu einer Demonstration zusammengekommen - Männer, Frauen und Kinder. "Nein zum Staudammprojekt" steht in Spanisch auf ihren Transparenten. Sie sind wohl auch deshalb so zahlreich erschienen, weil mit Don Pilar eine deutsche Delegation kommt. Eine Maya-Anführerin spricht ein Grußwort, an Teilnehmer eines Protestmarschs werden Urkunden verteilt. "Nur wenn wir uns organisieren, haben sie Respekt", ruft ein weiterer Anführer von der Bühne. Mit "sie" ist das Unternehmen Las Tres Ninas gemeint, das zum Konzern America Trans Power Group gehört und in dem Gebiet ein Wasserkraftwerk plant. Strom lässt sich für gutes Geld nach Mexiko verkaufen.

Hector Suchite bekämpft das Staudamm-Projekt seit acht Jahren. Auch er ist Landwirt, baut Mais und Bohnen an. Das Land, das seine 25-köpfige Familie nährt, hat schon sein Großvater bestellt. "Das Projekt ist so groß, dass Las Flores verschwinden würde", ist Don Hector überzeugt. Und andere Dörfer in der Umgebung gleich mit. Das Unternehmen verneint dies und lockt mit Versprechungen: eine geteerte Straße nach Las Flores, ein Gemeinderaum, eine Kirche. Der 63-Jährige glaubt nicht daran. Er kennt Präsentationstafeln von dem Projekt: "Da bleibt nichts übrig."

Der Konflikt hat sich inzwischen zugespitzt, denn eine Minderheit befürwortet den Damm. "Das Unternehmen kauft sich Leute aus dem Dorf, die setzen die anderen unter Druck", sagt Don Hector. Der Staat steht offenbar auf der Seite des Konzerns: Zwei Gegner wurden ins Gefängnis gesteckt. "Aber 80 Prozent stehen hinter uns", betont der Wortführer. Er will mit den Protesten das Unternehmen "erschöpfen".

Auch Don Pilar hat in Las Flores die Bühne betreten. Einer wie er ist auserkoren, die Interessen der vom Staudamm bedrohten Ureinwohner zu vertreten. "Die Bevölkerung darf sich nicht spalten lassen", ruft er. "Sie muss die Invasoren vertreiben." Wieder ist Carlos mit dabei. Wieder stellt der Leibwächter seine Waffe zur Schau. Auch dieses Gebiet ist gefährlich für den Pfarrer, den er beschützen soll. Erst am Abend, wenn Don Pilar das Zufahrtstor zu seinem Haus in La Tramentina fest verschlossen hat, kann er sich wieder sicher fühlen. Bis zum nächsten Tag..

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