Von Rhineland Funding, von Havenrock, von Zweckgesellschaften außerhalb der Bilanz, von „Triggern“ oder von „Subprime“ hatten bis dahin selbst ausgewiesene Experten noch nie etwas gehört. Auch in der staatlichen Förderbank KfW, die damals von Ingrid Matthäus-Maier geleitet wurde und die davor im Bundestag als ausgewiesene Finanzexpertin galt. Mitte Juli 2007 wurden auch sie und ihre Vorstandskollegen stutzig – wegen der Vorgänge beim börsennotierten Mittelstandsfinanzierer IKB in Düsseldorf. Die KfW war mit 38 Prozent größter Aktionär. Nach und nach stellte sich heraus: Die IKB hatte sich in den USA verspekuliert mit zweitklassigen Immobilien-Anleihen, jenen Subprime-Papieren, die zum Auslöser der Finanzkrise werden sollten. Am 30. Juli war die IKB faktisch pleite und musste von der KfW gemeinsam mit Banken, Sparkassen und Volksbanken gerettet werden.

Noch im April hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) die Lage an den Finanzmärkten als gut bezeichnet. Dabei hatten sich in den USA die Probleme mit Subprime-Krediten für den Hausverkauf an einkommensschwächere Menschen schon abgezeichnet. Die ersten Subprime-Kreditgeber mussten im Frühjahr 2007 aufgeben. „Stupid Germans in Düsseldorf“ hieß es später in den USA. Die Banker am Rhein hatten über Zweckgesellschaften wie Rhineland Funding Subprime-Papiere gekauft, in die minderwertige Immobilienkredite verpackt worden waren. In der Hoffnung auf satte Gewinne.

Tatsächlich brach der US-Hypothekenmarkt 2007 zusammen, die Kredite wurden nicht mehr bedient – ausgelöst durch steigende Zinsen, die Eigenheimbesitzer ruinierten und die Hauspreise einbrechen ließen. Folglich kollabierten auch die Kurse der Subprime-Anleihen. Keiner wollte sie mehr haben. Allein bei Rhineland ging es um 13 Milliarden Euro, alles geregelt in rund 140 Verträgen, in denen „Trigger“ aufgeführt waren, die bei fallenden Kursen horrende Zahlungsverpflichtungen der IKB auslösten. Er habe sich nicht vorstellen können, was sich hinter den Papieren verberge, räumte KfW-Vorstandsmitglied Günther Bräunig ein, nachdem er an die Spitze der IKB gerückt war. „Wir haben zum Teil drei Tage gebraucht, um die Verträge über die Verbriefungen zu analysieren und zu sehen, wo die Risiken sind“.

Landesbanken mischten mit

IKB-Chef Stefan Ortseifen hatte vorsätzlich falsche Angaben gemacht, Ende Juli muss er gehen. 2010 wird er als erster und bisher einziger Krisenbanker in Deutschland rechtskräftig wegen Marktmanipulation und falscher Darstellung der Geschäftslage zu einer Bewährungs- und Geldstrafe verurteilt. In den Wochen nach seinem Rauswurf wird das Ausmaß des Desasters immer größer. Erst ist von einer Milliarde Euro Verlust die Rede, dann von 2,5 Milliarden. Zusammen mit den privaten Banken, Sparkassen und Volksbanken werden Rettungspakete geschnürt. Auch der Bund und damit die Steuerzahler müssen 1,2 Milliarden beisteuern. Am Ende wird die IKB für einen niedrigen dreistelligen Millionenbetrag an eine US-Finanzgesellschaft verkauft. Der Aufwand für ihre Rettung summiert sich auf rund zehn Milliarden Euro. Jahrelang belastet sie den Rettungsfonds Soffin, erst im Herbst 2013 sind alle Hilfen getilgt.

Auch die vermeintlich biederen öffentlichen Landesbanken hatten gezockt. Als erste musste die SachsenLB, das kleinste der Institute, den Skandal einräumen. Mit 17 Milliarden Euro mischte sie bei den riskanten Geschäften mit. Am Ende wurde sie von der Landesbank Baden-Württemberg geschluckt, die sich dadurch Belastungen in Milliardenhöhe einhandelte und ebenfalls gestützt werden musste. Die WestLB wurde 2012 zerschlagen. Der BayernLB musste der Steuerzahler mit zehn Milliarden Euro aus der Patsche helfen, bei den Landesbanken in Berlin und in Norddeutschland waren die Verluste ebenfalls dramatisch. Der  Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE) wurde notverstaatlicht.

Nur bei den Großbanken sah es 2007 noch vergleichsweise gut aus. Dabei war das Vertrauen der Institute untereinander schon schwer angeknackst. Niemand wusste, wer wie tief in die Subprime-Geschäfte verwickelt war. Also liehen sich die großen Geldhäuser untereinander immer weniger Geld, was wiederum die gesamte Kreditvergabe an Unternehmen belastete. „Die Krise hat uns nicht überrascht. Wir haben immer gewarnt“,  sagte der damalige Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann im Herbst 2007. Transparenz wolle man an den Tag legen, versprachen Großbanker – wohl nicht ahnend, wie massiv auch die Deutsche Bank von der Krise getroffen würde.