Eine Woche nach der Eröffnung eines Verfahrens gegen den Internet-Riesen Google nimmt sich Margrethe Vestager, Wettbewerbskommissarin der EU, ein weiteres internationales Schwergewicht vor: Gazprom. Die Dänin leitet wegen Preistreiberei rechtliche Schritte gegen den russischen Energie-Konzern ein - angesichts des Zerwürfnisses mit Moskau politisch riskant.

Es ist die zweite Etappe eines politischen Coming-Outs, das es in sich hat. Denn delikatere Fälle hätte sich Vestager - früher Wirtschafts- und Innenministerin in Kopenhagen, in Brüssel noch keine sechs Monate im Amt - nicht aussuchen können. Erst der übermächtige Daten-Händler aus den USA. Jetzt, mitten in der bitteren Auseinandersetzung mit Moskau, die Staatsfirma Gazprom, von der die europäischen Gasversorgung entscheidend abhängt.

Ausgesucht hat sich Vestager (47) das nicht. Beides sind Altfälle, an denen sich ihr Vorgänger Joaquin Almunia die Zähne ausgebissen hatte. Wohl aber hat sie entschieden, wann und in welcher Form sie die Angelegenheit vorantreibt. Nämlich nach der Devise: Entschlossenheit und Courage ja, Kraftmeierei und Provokation nein. Denn, sagt sie, "dies sind keine politischen Fälle". Google sowieso nicht, das sei keine US-Firma, sondern eine internationale. Aber Gazprom ebenfalls nicht. "Aus meiner Sicht ist das ein Wettbewerbsfall." Und so werde sie ihn behandeln, "mit Fakten, Fakten-Analyse und Beweisen".

Im Herbst 2011 nahmen sich die EU-Aufseher erstmals gezielt die Geschäfte des Großlieferanten vor, vor allem in den östlichen EU-Staaten. Nach Prüfung von Büchern, Verträgen und Preisgestaltung sind sie jetzt sicher, in mindestens fünf Ländern (Polen, Bulgarien, Litauen, Estland, Estland) auf unlautere Praktiken gestoßen zu sein. Dort habe Gazprom "eine umfassende Strategie zur Abschottung der Märkte verfolgt", um höhere Preise zu erzielen. So durften Kunden nicht in andere Länder weiterverkaufen. Auch mithilfe der Bindung an den Ölpreis und bestimmter Auflagen für Nutzung und Ausbau des Pipeline-Systems seien Preise manipuliert worden. Die Überteuerung habe bis zu 40 Prozent betragen.

Die Beanstandungen wurden Gazprom jetzt in einer Art blauem Brief ("Mitteilung der Beschwerdepunkte") übermittelt, Vorstufe eines förmlichen Verfahrens, das theoretisch mit einer Geldbuße in Höhe eines Zehntels des globalen Umsatzes enden kann. Zunächst hat Gazprom zwölf Wochen Zeit, Stellung zu nehmen und in Verhandlungen mit Brüssel einzusteigen. Welche Forderungen im einzelnen zu erfüllen wären, hält Vestager offen. "Wir wollen dass der Markt funktioniert - hoffentlich können wir eine Situation mit fairen Preisen herstellen."

In Brüssel gilt die zurückhaltend-elegante Vestager als beschlagene und verbindliche Gesprächspartnerin. Ihre gezielte Entpolitisierung des Streits könnte es den Russen entgegen vorab gesandter Signale erleichtern, die Sache ihrerseits als rein geschäftlich zu behandeln.