Missionierung ist in unseren Unterkünften nicht erlaubt. Das sagt Fritz Weller, Migrationsbeauftragter der Caritas Stuttgart.

Auf Flüchtlinge versuchen verschiedene Gruppen zuzugehen. Können sich Gemeinschaftsunterkünfte vor solchen Einflüssen schützen?
Fritz Weller:
Wir haben schon einschlägige Erfahrungen gemacht mit versuchter Missionierung, sowohl von Salafisten als auch von fundamentalistischen christlichen Sekten. Auch Zeugen Jehovas waren aktiv. Doch haben wir eine klare Linie: Missionierung in den Unterkünften ist absolut tabu. Wenn uns solche Versuche bekannt werden, erteilen wir Hausverbot. Als Betreiber von Gemeinschaftsunterkünften müssen wir neutral sein. Wir verfahren da nicht nach zweierlei Maß. Auf das, was außerhalb einer Unterkunft, zum Beispiel in einer Fußgängerzone, passiert, haben wir keinen Einfluss. Doch versuchen wir, Menschen, mit denen wir es zu tun haben, aufzuklären.

Tragen vor allem Ehrenamtliche fundamentalistisches Gedankengut in die Unterkünfte?
Das würde ich nicht sagen. In einem Fall warteten Werber von radikalen Moscheen vor unserer Tür. Da haben wir die Polizei eingeschaltet. Bei Ehrenamtlichen ist uns nur ein Fall bekannt. Wir wissen auf christlicher Seite vom Gospelforum, das nach unserer Einschätzung eine fundamentalistische Sekte ist, und versucht, über Nachhilfeangebote mit Flüchtlingen in Kontakt zu kommen. Da klären wir auf.

Warum ist es so wichtig, dass sich Gemeinschaftsunterkünfte schützen?
Salafisten predigen einen sehr engstirnigen, sehr auf Abgrenzung ausgerichteten Islam. Uns ist aber wichtig, dass in Deutschland Religionsfreiheit akzeptiert wird. Von allen. Salafisten haben nicht nur ein Problem mit Christen. Auch Muslime anderer Prägung werden von ihnen nicht akzeptiert. Das kann die Stimmung in den Gemeinschaftsunterkünften, die ja labil ist, schnell zum Kippen bringen. Wir sind auf ein gedeihliches Miteinander angewiesen.

Gibt es viele Vorfälle?
Lediglich Einzelfälle. Doch oft sind Auseinandersetzungen nicht wirklich religiös begründet. Da geht es um Ruhestörung oder unterschiedliches Putzverständnis. Der Vorwurf des Mobbings wird manchmal auch schnell vorgeschoben.

Gibt es unter den Bewohnern von Gemeinschaftsunterkünften ein Bewusstsein dafür, wie anfällig das Miteinander ist?
Wir versuchen es jedenfalls zu vermitteln und werden bei Auffälligkeiten auch von Bewohnern  angesprochen. Zum Beispiel, wenn sich jemand übel über Christen oder Muslime äußert oder an seine Zimmertür einen Spruch hängt, der andere verletzt oder provoziert. Das ist bei uns ein No-go.

Sind die Spannungen zwischen den Religionsgruppen neu für Sie oder waren Sie damit immer mal wieder konfrontiert?
Das Thema radikaler Islamismus war uns schon länger bekannt. Das Agitationsverhalten hat sich mit dem Zustrom von Flüchtlingen in den vergangenen Jahren verstärkt. Das Thema sticht heute stärker hervor. Auch weil diese Personengruppe sehr auffällig ist.

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Zur Person


Fritz Weller ist der Leiter des Bereichs Migration und Integration der Caritas Stuttgart, die dort rund 3000 Flüchtlinge betreut.