Es sind zunächst nüchterne Zahlen, die der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber abschließend vorlegt: 500 ehemalige Jungen des Chores Regensburger Domspatzen sind dokumentierte Opfer von körperlicher Gewalt geworden, 67 wurden sexuell missbraucht. Insgesamt kommt Weber, der vom Bistum mit der Aufarbeitung des Skandals beauftragt war, auf 547 Opfer. Doch geht er davon aus, dass es mehr waren, weil manche verstorben sind oder sich nicht gemeldet haben: „Ich rechne mit 700 betroffenen ehemaligen Schülern“, sagt er in Regensburg bei der Vorstellung seines Abschlussberichts.

 Auf der Gegenseite stehen 49 Täter, die Weber „mit hoher Plausibilität“ bewertet: 45 von ihnen verprügelten die Kinder, neun wurden sexuell übergriffig. Das waren Lehrer und besonders ein Rektor in der Vorschule, Erzieher im Internat, das Chorpersonal, Priester. Sexuelle Gewalt bis 1972 wirft Weber vor allem drei Internatsdirektoren und einem Präfekten vor.

Größter bekannte Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche

 Was sich in Regensburg von 1945 bis zu den frühen 1990er-Jahren ereignete, ist der größte bislang aufgedeckte Missbrauchsskandal innerhalb der katholischen Kirche. „Der Dreiklang aus Gewalt, Angst und Hilflosigkeit sollte dazu dienen“, so sagt Ulrich Weber, „den Willen der Schüler zu brechen und ihnen Persönlichkeit und Individualität zu nehmen“. Auch wenn früher weitaus häufiger Gewalt gegenüber Kindern ausgeübt wurde, so lässt sich „das Ausmaß bei den Domspatzen nicht mit dem Zeitgeist“ erklären. Vielmehr steckte System dahinter mit einem übergeordneten Ziel: „der Erfolg des Chors“. Die Betroffenen haben Weber gegenüber ihren Aufenthalt bei den Domspatzen als „Gefängnis“, „Hölle“ und „schlimmste Zeit des Lebens“ beschrieben.

 „Mir ist schlecht“, sagt Udo Kaiser immer wieder, während Weber spricht. „Alles kommt wieder hoch.“ Der 69-jährige Münchner ist nach Regensburg angereist, um sich den Bericht anzuhören. Er selbst war als Kind sechs Jahre lang ein Domspatz. An den Haaren wurde er durch die Gänge geschleift, der Klavierdeckel auf seine Hände geworfen, es hagelte „Watschn“, ein Präfekt prügelte seinen nackten Po, während er ihm das erigierte Glied an den Hinterkopf stieß.

 Später wurde Kaiser, der als Lehrer und Sänger arbeitete, depressiv, bekam Panikattacken. „Das Schlimmste war danach: Keiner glaubte mir“, sagt er nun. „Wichtig ist, dass das nun dokumentiert ist – schwarz auf weiß steht nun, dass es so war, wie es war.“

Vorwürfe gegen den Bruder des ehemaligen Papstes Benedikt XVI.

 Auch der ehemalige Domkapellmeister Georg Ratzinger, Bruder des Papstes Benedikt XVI., wird in dem Bericht beschuldigt. Ihm sei „insbesondere sein Wegschauen beziehungsweise fehlendes Einschreiten trotz Kenntnis vorzuwerfen“. Dass er Ohrfeigen verteilt hat, hat der heute 93-Jährige zugegeben.

 Der Skandal nach dem Skandal liegt darin, dass es über ein halbes Jahrzehnt hinweg, von 2010 bis 2015, keine Aufarbeitung gegeben hat. Der vormalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller tat die Vorwürfe als Einzelfälle ab, bestritt gar deren Richtigkeit. Auf Müller und weitere Bistumsmitarbeiter aus dieser Zeit sind die Betroffenen weiterhin wütend. Unter ihnen herrscht ausgeprägte Genugtuung, dass das Arbeitsverhältnis mit eben jenem Müller Anfang Juli von Papst Franziskus als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre nicht weiter verlängert worden war. Erst im vergangenen Jahr sorgte in Regensburg der gegenwärtige Bischof Rudolf Voderholzer für Zustimmung mit einem klaren Schuldeingeständnis der Kirche und der Bitte um Verzeihung.

Bis zu 20 000 Euro Entschädigung

 Während Gewalt und Missbrauch in der oberbayerischen Klosterschule Ettal rasch und einvernehmlich aufgearbeitet worden waren, zog sich Regensburg über Jahre in die Länge. Mittlerweile sind 50 der 547 registrierten Opfer entschädigt worden, je nach Lage ihres Falles erhielten sie 5000 bis 20 000 Euro. Ulrich Weber geht davon aus, dass die Kirche insgesamt bis zum Jahresende 2,5 bis drei Millionen Euro auszahlen wird.

Neuer Impuls


Nach Jahren der Verzögerung hatte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer entscheidenden Anteil daran, dass die Aufarbeitung an Fahrt gewann. Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt veranlasste er, dass eine unabhängige Instanz zur Aufarbeitung eingesetzt wurde.

Von seinem Bruder, einem Psychiater, ließ sich Voderholzer schildern, was in Opfern von Gewalt und sexuellem Missbrauch vorgeht – damals und heute. Mit etwa 100 Betroffenen soll er selbst gesprochen haben. Ebenso beteiligte er sich an dem aus sechs Personen bestehenden Aufarbeitungsgremium, das seit Frühjahr 2016 über Konsequenzen beriet. epd