Mexiko  Mexikos linker Rächer

Mexiko-Stadt / Sandra Weiss 15.06.2018

Ofelia Teloxa, 53, ist mit ihrer Tochter gekommen und hat auch ihre 80-jährige Mutter im Rollstuhl mitgebracht. Die Sonne brennt gnadenlos vom Himmel auf das Areal im zentralmexikanischen Zacatelco, das sonst die Liegewiese eines Freibads ist. Sie erwarten den führenden Bewerber um die Präsidentschaft Mexikos, Andrés Manuel López Obrador. „Er ist der einzige, der zu uns kommt. Wir lieben ihn. Er ist aufrichtig, hat eine harte Hand und kennt die Sorgen des Volkes“, begründet Teloxa ihre Vorliebe für López, dessen Programm sie aber „nicht im Detail“ kennt.

Als der rüstige 64-Jährige mit dem silbernen Haarschopf auftaucht, bricht Jubelgeschrei los, ganz so als klettere da ein Film-Star auf die Bühne. Seit zwölf Jahren bereist er Mexiko, rühmt sich, schon in jeder Ecke gewesen zu sein. Für viele ist er der Erlöser. Und „Amlo“, wie er im Volksmund genannt wird, enttäuscht sein Publikum nicht. Der ehemalige Bürgermeister von Mexiko-Stadt verspricht eine „friedliche Revolution“, sagt dem „korrupten Machtkartell“, das das Land ausblute, den Kampf an. Er verspricht Stipendien und Renten, den Bauern stellt er direkte Subventionen und weniger konkurrierende Importe in Aussicht, den Lehrern will er mehr bezahlen, Krankenhäuser besser ausstatten. Finanzieren werde er das, indem er die Löhne und Privilegien „der da oben“ kürze, „angefangen bei meinem Präsidentengehalt, das ich halbieren werde“.

Es kratzt ihn nicht, dass seine Gegner ihn als Populisten abtun, die Finanzierbarkeit seines Programms mit spitzem Bleistift nachrechnen, anprangern, dass der vermeintlich Linke eine Allianz mit der ultrakonservativen, evangelikalen PES eingegangen ist und seine Kandidatenlisten vor korrupten Überläufern anderer Parteien nur so strotzen. „Diese Wahl ist ein Plebiszit gegen die katastrophale Politik seiner Vorgänger“, sagt der Schriftsteller Jorge Volpi. Umfragen sagen Amlo am 1. Juli einen deutlichen Sieg voraus über den konservativen Konkurrenten Ricardo Anaya und den Vertreter der regierenden Partei der Institutionellen Revolution, Jose Antonio Meade.

Der Aufschwung kommt nicht an

Amlos Versprechen sind nicht neu – schon 2006 und 2012 trat er mit ähnlichen an und wurde zweimal knapp geschlagen – einmal vom Konservativen Felipe Calderón, der danach den Drogenkrieg anzettelte, und dann von Enrique Peña Nieto (PRI), dessen Amtszeit von Korruptionsskandalen überschattet war. Sie alle eint, dass sie die drängendsten Probleme des Landes nicht lösen konnten. Der Drogenkrieg erreicht immer neue Höhepunkte. Die Mordrate ist derzeit so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr – 29 168 Tötungsdelikte hat es im vergangenen Jahr gegeben.

Mexikos Wirtschaft wuchs in den vergangenen zwölf Jahren zwar um jährlich durchschnittlich 2,2 Prozent, das Land industrialisierte sich und wurde zum viertgrößten Automobilexporteur weltweit. Arbeitsplätze entstanden. Dank der Ausweitung der Konsumentenkredite etablierte sich auch eine Mittelschicht mit Ambitionen – wenngleich vieles davon auf Pump war. Doch gleichzeitig fielen wegen der hohen Inflation die Reallöhne. Die Menschen blieben so arm wie zuvor.

Mexikos Strategie, im Rahmen des 1994 abgeschlossenen Nordamerikanischen Freihandelsabkommens auf den zollfreien Zugang zum US-Markt und Billiglöhne zu setzen, geriet an ihre Grenzen. Ökonomen sprechen von der „Falle des mittleren Einkommens“, wenn die durch Industrialisierung und niedrige Löhne erzielten Produktionszuwächse ausgeschöpft sind, bevor der technologische Fortschritt einen Übergang zu besseren Gehältern und höherer Produktivität erlaubt.

Ofelia Teloxa hat noch nie von dieser Theorie gehört, weiß aber, was sie bedeutet: Für ihre Mutter muss sie im staatlichen Gesundheitsdienst oft tagelang um Arzttermine und Medikamente anstehen. Ihr Mann hat ein Leben lang in einer Textilfabrik für einen Hungerlohn geschuftet und eine magere Rente in Aussicht. Peñas Steuerreformen haben die Ausgaben für Strom, Benzin und Transport in die Höhe getrieben. Auch die nächste Generation hat kaum Aufstiegschancen. Obwohl Teloxa ihrer Tochter eine Ausbildung zur Krankenschwester finanziert hat, findet diese keine feste Anstellung.

Rund die Hälfte der mexikanischen Arbeitnehmer sind nicht fest angestellt, viele arbeiten schwarz. Die Arbeitgeber scheuen Festanstellungen wegen der Sozialabgaben und der Macht der Gewerkschaften. Zudem sind die Löhne derart niedrig, dass viele Mexikaner schwarz mehr verdienen. Der Mindestlohn von umgerechnet 105 Euro monatlich liegt nach Angaben der Lateinamerikanischen UN-Wirtschaftskommission unter der Armutsgrenze.

Viel Frust hat sich angestaut, Amlo spricht ihn aus. Und dann heißt die von ihm gegründete und auf seine Person zugeschnittene Partei auch noch Bewegung zur nationalen Erneuerung, kurz Morena (dunkelhäutig), ein Seitenhieb auf den mexikanischen Rassismus. Als Plus kann er zudem verbuchen, dass er zwar immer von der Politik gelebt hat – einen anderen Beruf hat der studierte Politologe nie ausgeübt – aber bis heute einen Mittelschichts-Lebensstil pflegt. Unter den prahlerischen Politikern in Mexiko Stadt ist das etwas Besonderes.

Amlos simple Rezepte werden die Probleme des Landes zwar nicht lösen, sagt der Universitätsprofessor Javier Sicilia, „aber ich hoffe, dass er gewinnt, damit wir Mexikaner endlich aufhören, an einen Erlöser zu glauben und anfangen, mit einem nationalen Pakt eine andere Form der Basisdemokratie auszuprobieren.“

In einem Land tiefer sozialer Gegensätze verkörpert der Provinzpolitiker und „ewige Verlierer“ Amlo den Rächer der Abgehängten. Nichts verdeutlicht die Widersprüche des Schwellenlandes besser als die 20-minütige Autofahrt von Puebla nach Zacatelco. Der Ort hat zwar eine Ausfahrt auf der vor kurzem erbauten, mautpflichtigen Schnellstraße – aber die mündet abrupt in eine Schotterpiste, die ihrerseits in eine Ansammlung von unverputzten Häusern übergeht.

Zacatelco ist von der Moderne abgehängt, lebt von der Subsistenz-Landwirtschaft und von den Überresten einer Textilindustrie, die billig und umweltschädlich Markenprodukte für den heimischen Markt fälscht. Andere Einnahmequellen sind der Frauenhandel und das Anzapfen der Ölpipelines des staatlichen Erdölkonzerns. In die illegalen Aktivitäten sind Sicherheitskräfte und Lokalpolitiker verwickelt, was zu einer unübersichtlichen Gemengelage führt. Auch Schießereien, Pipeline-Explosionen und Lynchjustiz sind keine Seltenheit.

Die Elite verdient 500 Euro im Monat

In Puebla hingegen, gibt es einen Standort des Volkswagen-Konzerns, der vor einem halben Jahrhundert hier mit der Produktion begann. Die Werkshallen sind blitzblank und größtenteils robotisiert. Im Jahr 2017 rollten rund 461 000 Jettas, Beetles und Golfs vom Band. Die 14 000 Angestellten gehören zur wirtschaftlichen Elite, die moderne Einkaufszentren, Hotels und Restaurants besucht, auch wenn sie nur knapp ein Zehntel von dem Gehalt eines Industriearbeiters in den USA verdienen.

Wer einen der rund 50 dualen Ausbildungsplätze im Jahr bei VW ergattert, schätzt sich glücklich. So wie Ernesto Reyes – auch wenn der 19-Jährige während der Lehre kein Geld bekommt. Nur jeder zehnte Bewerber wird genommen, der Jahrgangsbeste wird mit einer Deutschlandreise belohnt und kann mit einem Einstiegsgehalt von umgerechnet 500 Euro monatlich rechnen. Nach der Lehre will Reyes Ingenieurwesen studieren, um in die besser bezahlte Managementriege aufzusteigen. Ein solches System, das Anreize zur Produktivität gibt, in dem Unternehmen auch in ihre Mitarbeiter investieren, ist relativ neu in Mexiko.

Mexikos Unternehmer klagen zwar über Korruption und Unsicherheit, sehen sich dabei aber in einer Statistenrolle und sind entsetzt angesichts der Vorstellung, dass Amlo sie aus ihrer Komfortzone voller Steuererleichterungen, billiger Arbeitskräfte und Oligopole katapultieren könnte. Selbst eher publikumsscheue Magnaten wie Carlos Slim, einer der reichsten Männer der Welt, haben das Wort gegen Amlos Pläne ergriffen. Der Einzelhandelskönig Alberto Bailleres appellierte an seine Angestellten, dem Zweitplatzierten Anaya ihre Stimme zu geben.

Es sieht nicht so aus, als könnten sie den Vormarsch des Linkspopulisten stoppen. Während in ganz Südamerika das politische Pendel nach rechts ausschlägt, scheint Mexiko gegen den Trend zu wählen. Das Land der Gegensätze hat zu viele Abgehängte. Und die meisten von ihnen stehen auf Amlos Seite.

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