Berlin Merkels Prellbock gibt den Zuchtmeister

Muttis Liebling: Volker Kauder (CDU) mit Kanzlerin Angela Merkel während einer Fraktionssitzung.
Muttis Liebling: Volker Kauder (CDU) mit Kanzlerin Angela Merkel während einer Fraktionssitzung. © Foto: dpa
Berlin / GUNTHER HARTWIG 15.01.2016
Es sind harte Zeiten, nicht nur für Angela Merkel, sondern auch für Volker Kauder. Er hat als Prellbock zwischen der Kanzlerin und einer zunehmend störrischer werdenden CDU/CSU-Fraktion sichtbar zu leiden.

Manchmal haben die Parteifreunde richtig Mitleid mit ihrem Fraktionschef. "Der Volker", sagt ein Schwabe über den 66-jährigen Frontmann der Union im Bundestag, "isch ne arme Sau." Erst hielt Kauder beim Drama um Griechenland den Kopf für Angela Merkel hin, jetzt dient er schon seit Monaten als Prellbock zwischen der Kanzlerin und einer wachsenden Schar von CDU/CSU-Abgeordneten, die einen Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik fordern.

Sichtbar mitgenommen wirkt Kauder inzwischen, gereizt und knurrig. Vor der jüngsten Fraktionssitzung gab er eine kurze Erklärung zum Terroranschlag in Istanbul und zur Silvesternacht in Köln ab, machte dann auf dem Absatz kehrt und ließ die Reporter grußlos stehen, ohne deren Fragen abzuwarten. In der Sitzung selbst, die aufgeheizt verlief, knöpfte er sich die notorischen Gegner der CDU-Chefin im Stakkato-Stil vor und erntete lautstarken Widerspruch. "Kauder versucht zum wiederholten Male, Debatten abzuwürgen", klagte ein Abgeordneter hinterher. Die Fronten in der Union verhärten sich, der Ton wird unversöhnlicher.

Zwischen den Stühlen sitzt der Fraktionsvorsteher. Einerseits lässt er sich an Loyalität gegenüber Angela Merkel, der Kauder schon als Fraktionsgeschäftsführer und CDU-Generalsekretär diente, allenfalls noch von Kanzleramtschef Peter Altmaier übertreffen, andererseits muss er seine Herde beisammenhalten. Bis zu 70 Abweichler waren es bei den Abstimmungen über die Hilfspakete für Athen, neuerdings sind es wohl nicht viel weniger, die eine Resolution unterschreiben wollen, über die in der nächsten Fraktionssitzung abgestimmt werden soll. Verlangt wird darin ein strikteres Grenzregime in Deutschland, also eine Abkehr von Merkels bisherigem Willkommenskurs.

Was Kauder besonders zu schaffen macht, ist die große Kluft, die sich mittlerweile zwischen der Kanzlerin und zunehmend unzufriedenen Volksvertretern gerade aus dem Süden und Südwesten der Republik auftut. Am Montag dieser Woche hatten sich die Unionsabgeordneten aus Bayern und Baden-Württemberg getroffen und im Beisein von Kauder ein Scherbengericht über Merkels Flüchtlingspolitik abgehalten. Der Fraktionschef schwieg versteinert zu den Attacken auf die Kanzlerin, ein CDU-Mann vermutet: "Der Volker würde gern selbst auf Distanz zu mancher Position der Dame gehen, aber diese Freiheit ist ihm qua Amt verwehrt."

Vielleicht reagiert Kauder deshalb immer unwirscher auf Dissidenten in den eigenen Reihen. Am Dienstag rüffelte er vor versammelter Mannschaft den Badener Olav Gutting, weil der aus der Fraktionssitzung heraus einen Journalisten per Handy mit Informationen über die interne Debatte fütterte. Schon im vergangenen Sommer sorgte der Tuttlinger für Empörung, als er öffentlich erklärte, dass diejenigen, die im Parlament gegen Merkel stimmten, nicht in Ausschüssen bleiben dürften, in denen es auf die Mehrheit der Koalition ankomme. Kurze Zeit später trat mit Wolfgang Bosbach einer der prominentesten CDU-Rebellen vom Vorsitz des Innenausschusses zurück.

Seither wird "Merkels erster Offizier" in der Bundestagsfraktion noch argwöhnischer als zuvor beäugt. Sein enges Vertrauensverhältnis zur Kanzlerin haben bereits früher manche Unionsleute als Problem betrachtet, mitunter wurde Kauder als "Merkels Schoßhund" oder "Muttis Liebling" bespöttelt. Neuerdings scheint der bekennende Wertkonservative eher auf den Spuren des legendären SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner zu wandeln, der in seiner Rolle als aufopferungsvoller Zuchtmeister und Kärrner im Dienst der sozialdemokratischen Kanzler und Parteivorsitzenden aufging.

Immerhin ist Kauder seit langem einem anderen Genossen persönlich stark verbunden - sogar über dessen Tod hinaus. Unbedingt will der CDU-Zampano seinem vor drei Jahren verstorbenen Duzfreund Peter Struck ein Buchprojekt widmen, das die harmonische Partnerschaft der beiden Spezis an der Spitze der schwarz-roten Koalition in den Jahren 2005 bis 2009 nachzeichnet. Damals hatte SPD-Fraktionschef Struck seine liebe Not mit zahlreichen Sozis, die im Bundestag gegen die eigene Regierung stimmten, während Kauders Truppe noch geschlossen hinter Kanzlerin Merkel stand.

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