Portrait Angela Merkels Finale

Berlin / Ellen Hasenkamp 14.03.2018
Neu erfinden wird sich die Kanzlerin in ihrer dritten GroKo nicht. Mit den Nachbessern hat sie allerdings schon begonnen.

Welche Kette sie wohl tragen wird? Dunkles Jacket jedenfalls, so hat sie es zumindest bisher gehandhabt. Die bunten Farben sind eher für den politischen Alltag. Dieser Mittwoch aber wird auch für Angela Merkel alles andere als alltäglich. Die Pfarrerstochter aus der Uckermark steht vor ihrer vierten Amtszeit als Bundeskanzlerin. In zwei Jahren hätte sie Konrad Adenauer eingeholt, in vier sogar Rekordkanzler Helmut Kohl.

Es klingt nach weiter, immer weiter. Doch Merkels Vierte ist keine Fortsetzungsgeschichte, sie muss ein Neuanfang werden. Das Land ist ein anderes geworden, seit die Kanzlerin das letzte Mal die Hand zum Schwur auf die Bibel gelegt hat: Die Flüchtlingskrise erschütterte die Republik, die AfD zog in den Bundestag ein, die SPD – die als Partner die Koalition und als Volkspartei das Land stabilisieren soll – blickt in den Abgrund. Und: Erstmals ist das Ende der Ära Merkel am Horizont erkennbar.

Neu erfinden wird sich die Kanzlerin nicht, dazu ist sie nicht der Typ. Aber sich, ihre Partei und womöglich auch ihre Politik neu justieren wird sie. Sie hat bereits damit begonnen: Mehr ausprobieren, mehr Kontroverse wagen, das könnte über der neuen Amtszeit stehen.

Spätsommer 2017, noch 18 Tage bis zur Bundestagswahl. Merkel steht auf einer Wahlkampfbühne inmitten eines hübschen Marktplatzes und bemüht sich um ein Lächeln. Sie hebt die Hände – und lässt sie gleich wieder sinken. Was beschwörend anfängt, endet resigniert. Mehr wie ein Achselzucken. Die Kanzlerin wirkt hilflos.

Über Merkel und die sächsische Kreisstadt Torgau fegt ein doppelter Sturm hinweg. Es schüttet, der Himmel ist schwarz, eine Böe reißt einen Lautsprecherturm um. Doch das Gewitter ist noch gar nichts im Vergleich zu dem Gebrüll: „Hau ab“, „Volksverräter“. Ein Mann hat sich gleich zwei Trillerpfeifen in den Mund gesteckt, seine Hände bedienen eine ohrenbetäubende Tröte. Nur mit Hilfe der auf Anschlag gedrehten Tontechnik dringt Merkels Stimme zu denen durch, die ihr auf den Bierbänken zusammengekauert zuhören wollen.

Protestplakate und Buh-Rufe hat Merkel auch bei früheren Wahlkämpfen erlebt. Aber dieser Hass – auch wenn er teilweise inszeniert wird – ist neu. Merkel hat darauf keine Antwort. Eine halbe Stunde lang redet sie an den Schreihälsen vorbei. Spricht über Fachkräftemangel, Europa, Steuern. Zu Merkels Erfolg gehörte immer, dass sie weder Begeisterung noch Wut weckte. Nun polarisiert die Meisterin der Moderation.

Über Jahre hatte Merkel zwei Grundbedürfnisse vieler Menschen erfüllt: In Ruhe gelassen zu werden und sich beschützt zu fühlen. In der Flüchtlingskrise forderte sie ihr Land plötzlich. Manche hat das überfordert. Hinzu kam die Verunsicherung durch Globalisierung und Digitalisierung. Merkels Schutzversprechen schien gebrochen.

Es zu erneuern, ist eine der großen Herausforderungen in Merkels vierter Amtszeit. Nicht im Sinne eines Zurück: An Mauern glaubt die Kanzlerin nicht. Aber sie will eine Antwort finden auf Verunsicherung und Wut. „Ordnen, steuern, begrenzen“, auf diese Forderungen der CSU in der Flüchtlingspolitik hat sie sich längst eingelassen. Und sie will das „Wohlstandsversprechen“ erneuen, wie sie es nennt. Den Menschen die Angst um den Arbeitsplatz und vor der Zukunft nehmen. Doch zunächst muss die Kanzlerin um ihre eigene Zukunft kämpfen.

Im Spätherbst 2017 steht Merkel im Foyer der Landesvertretung Baden-Württemberg. Gerade sind Christian Lindner und die FDP hinaus in die nasskalte Berliner Nacht gestürmt. Weg vom Verhandlungstisch, weg von Jamaika, weg von ihr. Spitzenpolitiker von CDU, CSU und auch von den Grünen scharen sich um die Kanzlerin. Verlassen wirkt sie dennoch. Als CSU-Chef Horst Seehofer ihre Verhandlungsleistung rühmt, wehrt sie den Applaus ab.

Was als Aufbruch begann, als möglicher Neuanfang auch für Merkel, ist gescheitert. Sie sei geschlagen worden in ihrer besten Disziplin, dem Verhandeln, heißt es. Merkel sei erschöpft. Nichts scheint mehr selbstverständlich. Auch nicht Merkels Kanzlerschaft. Ohnehin hatte sie diesmal lange gezögert, ehe sie sich zur vierten Kandidatur entschloss. „Ich habe sprichwörtlich unendlich viel darüber nachgedacht“, sagte sie bei der Bekanntgabe im Herbst 2016.

„Natürlich wird Merkel getrieben von Machtstreben. Aber hat sie große Ziele? Eigentlich wissen wir immer noch nicht, was sie wirklich will“, sagt Judy Dempsey von der Carnegie Stiftung. Die Irin hat vor einigen Jahren ein Buch über Merkel geschrieben. Sie glaubt, dass Merkel sich trotz aller innenpolitischen Herausforderungen doch wieder auf die Außenpolitik stürzen wird. Zu tun gibt es genug: Die USA unter Donald Trump einbinden, Europa reformieren, China die Stirn bieten.

Das Aus für Jamaika zwingt die SPD, zwingt aber auch Merkel wieder in eine Große Koalition. Es ist ihre dritte. Eine andere Möglichkeit zu regieren, gibt es nicht mehr. Schwarz-Rot muss gelingen, wenn sie Kanzlerin bleiben will.

Auch in der CDU will man sich erneuern

Die personellen Voraussetzungen sind nicht die schlechtesten. Mit ihrem SPD-Vizekanzler Olaf Scholz hat sie bereits den ins Chaos entglittenen G-20-Gipfel in Hamburg durchgestanden. Stoisch durchziehen, auch wenn es eng wird, das können beide. Verschwörerische Blicke austauschen auch. Bei der Vorstellung des Koalitionsvertrags am Montag in Berlin führen sie es vor.

Merkels wichtigste Ansprechpartnerin in der Koalition wird aber Andrea Nahles sein. Der „Vulkan aus der Eifel“ und die nüchterne Protestantin bilden die Achse der neuen Regierung. Trotz aller Unterschiedlichkeit dürfte das Gespann funktionieren. Nahles gilt als durchsetzungsstark und verlässlich, beides schätzt die Kanzlerin.

Doch die Personen sind das eine. Eine Unter-20-Prozent-SPD ist auch für Merkel neu. „Die Kanzlerin wird es mit einer verstörten und störrischen Sozialdemokratischen Partei zu tun bekommen“, sagt der Linken-Politiker Gregor Gysi. „Man kann nicht gleichzeitig regieren und sich erneuern.“ Das werde auch Merkel zu schaffen machen. Sie muss sich auf einen unberechenbaren Partner einstellen.

Regieren und sich erneuern – das will inzwischen auch Merkels CDU. Gelingen soll das mit Annegret Kramp-­Karrenbauer. Die Ernennung der Saarländerin zur Generalsekretärin ist ein Coup. Bei der Vorstellung der Personalie weht mitten im Februar ein Hauch von Frühling durch die Parteizentrale. Nicht nur, weil Kramp-Karrenbauers Kleid in Pink und Orange und Merkels Jacke in sattem Grün leuchten. Merkel spricht tatsächlich von einem „großen Glück“.

Ein Knoten ist durchschlagen. „Ich erlebe sie als gelöst – und das seit dem Tag, an dem sie Annegret Kramp-Karrenbauer vorgeschlagen hat“, sagt der CDU-Europapolitiker Elmar Brok über Merkel. Er gilt als einer ihrer Vertrauten. Und er kennt sich aus mit langen Amtszeiten: Fast 13 Jahre lang war er Vorsitzender des einflussreichen Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament.

Gelöst regieren könnte Merkel womöglich auch noch aus einem anderen Grund: Wenn nicht eine Sensation geschieht, ist ihre vierte auch ihre letzte Amtszeit. „Sie allein wird wissen, wann der richtige Zeitpunkt für den Rückzug gekommen ist“, sagt Brok. „Und dieses Wissen macht einen frei.“

Am Montag dann – fast 170 Tage nach der Wahl – setzt Merkel ihre Unterschrift unter den Koalitionsvertrag. Die Zeremonie bleibt kurz, die Ansprachen auch. Anschließend trinkt sie noch ein Glas mit Seehofer und Scholz und Nahles. Keinen Sekt, natürlich nicht. Es gibt Wasser und Saft. Dann bricht Merkel auf. Es kann losgehen.

Merkels Karriere: Erst Physik, dann Politik

Die Frau, die seit 18 Jahren die CDU und seit 13 Jahren das Land regiert, wird im Jahr 1954 in Hamburg als Tochter eines Pfarrers und einer Latein-Lehrerin geboren. Die Familie zieht drei Jahre später ins brandenburgische Templin. Nach dem Abitur schlägt Merkel eine akademische Karriere ein, dissertiert in Physik und arbeitet am Zentralinstitut für physikalische Chemie in Ost-Berlin. Nach dem Fall der Mauer nimmt ihre politische Karriere Fahrt auf. Unter Helmut Kohl wird sie erst Ministerin für Frauen und Jugend, dann Umweltministerin. 1998 wird sie Generalsekretärin der CDU, im Jahr 2000 übernimmt sie die Parteiführung, im Jahr 2005 die Kanzlerschaft. Merkel ist verheiratet mit dem Chemie-Professor Joachim Sauer.

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