Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist für weitere Verhandlungen mit der Regierung in Athen zur Abwendung einer Staatspleite offen - allerdings erst nach dem für Sonntag angesetzten Referendum in Griechenland. Sollte die griechische Regierung um Gespräche bitten, "werden wir uns solchen Verhandlungen selbstverständlich nicht verschließen", sagte Merkel gestern. Deutlicher als Merkel sagte Gabriel nach dem Treffen, die Abstimmung am Sonntag werde darüber entscheiden, ob Griechenland im Euro bleibe oder nicht. Den Griechen müsse die Tragweite bewusst sein: "Es ist im Kern die Frage, Ja oder Nein zum Verbleib in der Eurozone", sagte der Vizekanzler.

Auch EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker warb in Brüssel für ein "Ja" der Griechen zu dem Sparplan der EU. "Ein ,Nein' würde ein Nein zu Europa heißen", sagte Juncker. Mit Blick auf das Dienstagnacht auslaufende Rettungsprogramm fügte er hinzu: "Es ist nicht so, dass wir endgültig in einer Sackgasse feststecken würden. Aber die Zeit wird immer knapper." Mit dem Auslaufen entgehen Athen weitere Hilfen, die angesichts leerer Staatskassen dringend benötigt würden.

Der befürchtete Börsencrash blieb gestern aus, der Börsenindex Dax gab mit einem Verlust von 3,5 Prozent lediglich den Gewinn der vergangenen Woche wieder ab. Der Euro legte im Verhältnis zum Dollar sogar leicht zu.

Griechenlands Premier Alexis Tsipras bat um eine kurzfristige Verlängerung des Hilfsprogramms "um ein paar Tage", um eine Zahlungsunfähigkeit vor der Volksabstimmung zu verhindern. Einen Zahlungsausfall gegenüber dem Internationalen Währungsfonds, der von den Ratingagenturen nicht als Pleite gewertet wird, könnte aber selbst die EU nicht mehr verhindern: Athen kündigte gestern Abend an, dass die Regierung die heute fällige Rate über 1,6 Milliarden Euro nicht überweisen wird.

Die Ratingagentur Standard & Poor's stufte die Kreditwürdigkeit Griechenlands von CCC zu CCC- herab. Die US-Agentur erklärte, sie werte die Ankündigung des Referendums als "weiteren Hinweis, dass die Regierung Tsipras der Innenpolitik Priorität vor der finanziellen und wirtschaftlichen Stabilität, kommerziellen Schuldzahlungen und der Mitgliedschaft in der Eurozone geben wird".

Kommentar von Gunther Hartwig: Was auf dem Spiel steht

Zwei Tage lang hat Angela Merkel geschwiegen. Die zeitweilige Sprachlosigkeit der Kanzlerin war eine Mischung aus Enttäuschung, Irritation und Verlegenheit. Das Ende der Brüsseler Verhandlungen, das angekündigte Referendum in Griechenland, die unabwendbare Staatspleite in Athen - das alles scheint ja auch Merkels oft wiederholtes Diktum zu widerlegen, dass es immer eine Lösung gibt, wo ein Wille vorhanden ist.

Nun ist guter Rat teuer, und die Bundeskanzlerin muss sehen, wie sie den Schaden begrenzt - für den europäischen Währungsraum, für den deutschen Haushalt und die Steuerzahler. Nicht zuletzt stellt sich die Frage, welchen persönlichen Anteil Angela Merkel an der verfahrenen Situation hat. Dass viel auf dem Spiel steht, wusste sie: "Scheitert der Euro, scheitert Europa." Diesen frühen Satz hat die Kanzlerin nicht etwa bereut, sondern stets bekräftigt. Erst gestern wieder.

Zu Beginn dieser entscheidenden Woche richtet sich der Scheinwerfer denn auch auf die mächtigste Frau Europas. Merkels Image als bewährte Krisenmanagerin droht Schaden zu nehmen: Scheitert der Euro, scheitert die Bundeskanzlerin. Zwar wäre ein Ausstieg Athens aus dem Währungsverbund nicht gleich der Zusammenbruch der Euro-Zone, aber er könnte sich als Dominostein erweisen, der eine Kettenreaktion auslöst. Ein Szenario, das allen Akteuren den Schweiß auf die Stirn treibt. Auch der Kanzlerin.