Abschied Merkel-Abschied:Taktstock zum Schlussakkord

Hamburg / Ellen Hasenkamp 08.12.2018

Um 13.42 Uhr ist die Ära Merkel in der CDU endgültig zu Ende. Nachdem sie als Noch-Chefin zum letzten Mal am Rednerpult stand, um den Tagesordnungspunkt 14 zu moderieren, ist wirklich Schluss. Merkel nimmt ihre Handtasche und geht – aber dann doch nicht so ganz. In ihren typischen kleinen Merkel-Schritten wechselt sie von der linken auf die rechte Seite der Parteitagsbühne. Von der Sitzgruppe der gewählten Parteispitze dahin, wo man qua Amt sitzen darf. Als Bundeskanzlerin zum Beispiel. Denn das sei sie ja immer noch, darauf hatte Merkel auch in ihrer Abschiedsrede am Morgen hingewiesen.

Eine Rede, die ihr so wichtig war, dass sie sie in weiten Teilen selbst geschrieben hat, was nicht so häufig vorkommt. Und sie rührt damit manch einen in der Halle zu Tränen, was nun wirklich nicht so häufig vorgekommen ist in den vergangenen18 Jahren als CDU-Chefin.

Sogar ihre ärgsten Widersacher zollten der Bundeskanzlerin in dieser Stunde ihren Respekt. Auch Horst Seehofer. Der ebenfalls bald scheidende Chef der CSU hatte Merkel in der Vergangenheit immer wieder attackiert und auf einem denkwürdigen Parteitag in Bayern abgekanzelt wie ein Schulmädchen. Nun lässt er via „Spiegel“ ausrichten: „Sie ist die Beste“ und „Wir alle werden sie noch sehr vermissen.“ Er versicherte, dass er trotz vieler Differenzen in den vergangenen Jahren eine tiefe Sympathie für Merkel hege: „Wenn man so viel durchgestanden hat wie Angela Merkel und ich, dann bildet sich Verbundenheit, streckenweise sogar Zuneigung. Das kettet aneinander.“

Das Abschiedsgefühl breitet sich auch in Hamburg aus. Neun Minuten lang klatschen die tausend Delegierten nach Merkels Rede, manch einer zählt sogar zehn. Die meisten standen dabei, und vor allem viele Frauen schwenkten Schilder, auf denen „Danke, Chefin“ stand. Chefin, wohlgemerkt. „Mutti“ sagt schon lange keiner mehr.

Auch die sonst so ungerührte Pragmatikerin der Macht, Merkel selbst, spricht am Schluss ihres Vortrags von einem „überragenden Gefühl“ im Herzen. „Es war mir eine große Freude, es war mir eine Ehre. Vielen Dank“, so beendet Angela Merkel ihre Ära an der CDU-Spitze.

Ansonsten, so wirkt es, hält sie sich aber gewohnt merkelig ein wenig zurück. Sie spricht nur rund eine halbe Stunde, schon am Vorabend hatte sie die Parteitagsregie entsprechend vorgewarnt. Aber auch das, das Unterlaufen von Erwartungen, macht sie selbst zum Thema:

Die Partei habe es mit ihr nicht immer einfach gehabt, gibt sie zu. So habe sie den „deftigen, scharfen Angriff“ auf den Gegner von rechts oder links lieber sein gelassen. „Ich habe stattdessen das Florett gewählt oder es vorgezogen zu schweigen oder gar nicht erst über das Stöckchen zu springen, das man mir hinhielt“, erklärte sie ihren politischen Stil – und auch dafür erhielt sie lauten Applaus. „Ich weiß sehr wohl, dass ich Eure Nerven damit sehr auf die Probe gestellt habe.“ Zusammenhalt, Demut, sich zurücknehmen, das ist der Sound, den Merkel ihrer Partei zum Abschied auch für die Zukunft empfiehlt.

Merkel spannt in ihrer Rede einen Bogen von der Spendenaffäre um Vorvorgänger Helmut Kohl bis hin zum heutigen Tag. „Die CDU ist heute eine andere als im Jahr 2000, und das ist gut so.“ Es dürfte keinen wundern, dass Merkel die damalige Lage ihrer Partei angesichts des Sumpf von schwarzen Kassen als problematischer empfindet als die derzeitige – obwohl sie derzeit in Umfragen bei unter 30 Prozent liegt und Grüne und AfD ihr als Konkurrenten zu schaffen machen.

Der gerahmte Dirigentenstab des Superstars Kent Nagano als Abschiedsgeschenk von der Partei dürfte die Klassik-Liebhaberin gefreut haben. Doch mutet die Geste ein bisschen paradox an, denn die Zeit, in der Merkel den Takt schlägt, soll ja nach Willen der CDU nun vorbei sein. Doch wer weiß. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Regierungschef auch ohne Parteiamt den Rhythmus vorgibt.

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