Ergebnis der EU-Umfrage Mehrheit für Abschaffung der Zeitumstellung

Sicherheit kommt ganz zum Schluss. Dass Uhren gute Anhaltspunkte im Alltag sind, hat der amerikanische Schauspieler Harold Lloyd (1893 - 1971) bereits 1923 gezeigt – im Film „Safety Last!“
Sicherheit kommt ganz zum Schluss. Dass Uhren gute Anhaltspunkte im Alltag sind, hat der amerikanische Schauspieler Harold Lloyd (1893 - 1971) bereits 1923 gezeigt – im Film „Safety Last!“ © Foto: American Stock Archive/Archive Photos/Getty Images
Brüssel / Michael Gabel 30.08.2018

Es ist eine klare Mehrheit, und am Ende waren es sogar die Deutschen, die den Ausschlag gaben: Bei einer Online-Umfrage der EU-Kommission stimmten 80 Prozent der Teilnehmer für eine Abschaffung der zwei Mal im Jahr stattfindenden Zeitumstellung. Eine fast ebenso große Mehrheit sprach sich für die dauerhafte Sommerzeit aus.

Thema bewegt vor allem die Deutschen

4,6 Millionen EU-Bürger nahmen an der Abstimmung teil – rund drei Millionen davon leben in Deutschland leben. „In den anderen Ländern scheint man das Thema etwas gelassener zu sehen als bei uns“, sagte Alfred Wiater, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, der SÜDWEST PRESSE. Er vermutet, dass die Deutschen wegen der hiesigen Lichtverhältnisse empfindlicher als andere auf den Wechsel der Jahreszeiten reagieren. Dieser Effekt werde durch die Zeitumstellung im Sommer und Winter noch verstärkt, was regelmäßig zu entsprechenden Protesten führe. Er selbst gehört zu den Kritikern der bisherigen Regelung. Die Zeitumstellung bringe die Menschen immer wieder aus ihrem Alltagsrhythmus, was zu seelischen und organischen Beschwerden führen könne.

Doch nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen EU-Ländern wurden die Vorbehalte gegenüber der 1996 in der Europäischen Union eingeführten Zeitumstellung zuletzt immer deutlicher. Das Europaparlament reagierte darauf, indem es im Februar dieses Jahres die EU-Kommission mit einer Umfrage zu dem Thema beauftragte. Erste Ergebnisse liegen nun vor, auch wenn die Kommission immer wieder darauf hinweist, dass es sich nur um ein Stimmungsbild handele, das keinerlei verbindlichen Charakter besitze.

Vorlage zu ständiger Sommerzeit zeichnet sich ab

Immerhin: Jetzt, nachdem die Zahlen feststehen, hat man es in Brüssel eilig. Schon heute will die zuständige Verkehrskommissarin Violeta Bulc ihre Amtskollegen über Konsequenzen aus dem Votum informieren. Nach ARD-Informationen wird sie dabei eine Vorlage zur dauerhaften Umstellung auf Sommerzeit präsentieren. Unklar ist derzeit allerdings noch, wie viele Mitgliedstaaten bei einer solchen Änderung, die noch vom EU-Parlament beschlossen werden müsste, mitziehen würden.

Eine Festlegung auf ständige Sommerzeit gibt es bisher nur in den baltischen Staaten und in Finnland. Manche befürchten nun, dass in der Europäischen Union ein Flickenteppich aus verschiedenen Zeitzonen entstehen könnte. „Wenn beispielsweise Belgien eine andere Zeit hätte als Deutschland, wäre das nicht gut“, sagt der Vorsitzende der Unions-Abgeordneten im Europaparlament, Daniel Caspary. Derzeit ist die EU in drei große Zeitzonen eingeteilt: Osteuropa mit einer Region von Finnland bis Bulgarien ist Zentraleuropa mit Deutschland, Italien und den Beneluxländern um eine Stunde voraus. Westeuropa mit unter anderem Großbritannien und Portugal – anders als der Nachbar Spanien – zieht eine Stunde später nach. In allen Ländern werden jeweils die Uhrzeiger im Frühling um eine Stunde vor-, im Herbst um eine Stunde zurückgedreht.

Deutsche Politiker fordern zeitnahes Handeln

Deutsche Politiker reagierten am Mittwoch positiv auf das Bürger-Votum. Der CDU-Europaabgeordnete Peter Liese sagte, bei seinen Fraktionskollegen gebe es „große Sympathie“ für die dauerhafte Sommerzeit. „Ein so eindeutiges Ergebnis“ dürfe die Europäische Union nicht ignorieren. Er fordert, dass das Europaparlament noch vor der Europawahl im Mai kommenden Jahres über das Ende der Zeitumstellung entscheidet. Ismail Ertug, verkehrspolitischer Sprecher der Sozialdemokraten im EU-Parlament, kündigte an, das Ziel ebenfalls unterstützen zu wollen. Martin Häusling von den Grünen sagte: „Wenn die Kommission auf diese 80 Prozent nicht reagiert, dann machen wir uns komplett lächerlich.“ Auch der FDP-Bundestagsabgeordnete Michael Theurer äußerte sich zufrieden. Seine Partei hatte das Ende der Zeitumstellung in den Jamaika-Koalitionsvertrag einbringen wollen, war mit der Forderung jedoch abgeblitzt.

Große Beteiligung überraschte EU

Von der großen Beteiligung an dem Online-Votum war man selbst bei der EU offenbar überrascht. Zeitweise ließen sich die Abstimmungsformulare wegen des großen Andrangs gar nicht aufrufen, wie ein Sprecher einräumte. Die 4,6 Millionen Teilnehmer an der Umfrage sind auch eine neue Höchstmarke. Rekordhalter bis dahin war eine Umfrage von 2015 zum Natur- und Tierschutz. Damals wollten gerade mal 550.000 EU-Bürger ihre Meinung loswerden.

Auch interessant:

Ein deutsch-deutsches Politikum

Am 28. Oktober 1980 war die Sommerzeit schon wieder abgeschafft – zumindest in Ostdeutschland. Nach nur einem Versuch. Die DDR-Parteizeitung „Neues Deutschland“ meldete, wissenschaftliche Gutachten und Erfahrungen hätten gezeigt: Es sei „nicht zweckmäßig, das Experiment mit der Sommerzeit im nächsten Jahr zu wiederholen“. Sie habe keine ökonomischen Vorteile gebracht, sondern nur zusätzliche Kosten verursacht.

In Bonn war man alarmiert. Schließlich hatte die Bundesrepublik extra bis 1980 mit der Einführung der Sommerzeit gewartet – damit Deutschland nicht auch noch durch die Uhrzeit geteilt werden sollte. Dabei spielte auch der Sendetermin der „Tagesschau“ eine Rolle. Wie die DDR-Führung die Sommerzeit nach nur einem Jahr wieder kippen wollte man auf keinen Fall, auch weil man die die Partner in Westeuropa nicht brüskieren wollte. Auch die kommunistischen Parteifspitzen in Prag und Warschau wollten die Zeitumstellung behalten. Der grenzüberschreitende Güterverkehr mit der DDR wäre betroffen gewesen.

Auch die sowjetische Parteiführung schüttelte den Kopf. Der Alleingang Ost-Berlins war damit beendet. „In Abstimmung mit sozialistischen Bruderländern“ habe die DDR-Regierung beschlossen, die Sommerzeit auch 1981 einzuführen, so das „Neue Deutschland“ am 4. Dezember 1980. Seitdem hat die gesamtdeutsche Sommerzeit überdauert. Hajo Zenker

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel