Medien Mehrheit der Russen wittert Verschwörung

Moskau / Stefan Scholl 22.08.2018

Nach einer Umfrage des staatlichen „Allrussischen Zentrums für die Erforschung der öffentlichen Meinung“ (russisch kurz WZIOM) glauben 66 Prozent der russischen Bürger, es gebe eine Gruppe von Personen, die sich bemüht, die russische Geschichte umzuschreiben und historische Fakten zu fälschen, um Russland zu schaden. Und 63 Prozent glauben an die Existenz einer Organisation, die versuche, die traditionellen geistigen Werte der Russen mit Hilfe von LGBT-Propaganda zu vernichten. Diese Meinung vertreten vor allem Befragte über 45 Jahre. In dieser Altersgruppe glauben 72 Prozent an die antirussischen Geschichtsfälscher, dagegen nur 47 Prozent der jungen Leute zwischen 18 und 24 Jahren.

Kremlnahe Experten teilen die Meinung der älteren Generation. Laut der Nachrichtengentur Tass sagte der Soziologe Oleg Tschernosub, die Existenz einer Personengruppe, die traditionelle Werte revidieren wolle, sei vor allem „im kollektiven Westen“, ziemlich offensichtlich. Tschernosub verwies auf „die deprimierende Popularität minderwertiger ,westlicher Kulturgüter’ und unterschiedlicher ,pseudohistorischer Werke’“ in Russland vor 15 bis 20 Jahren. „Vor diesem Hintergrund zeigen die Umfrageergebnisse gerade eine Steigerung der kritischen Wahrnehmung im öffentlichen Bewusstsein.“ Nach Tschernosubs Ansicht sind die westlichen Verschwörer hartnäckig, aber nicht wirklich erfolgreich.

Dauerbeschallung im TV

Nach Ansicht liberaler Beobachter spiegeln die Umfrageergebnisse die Einseitigkeit der russischen Medien wieder. „Das Massenbewusstsein lebt ja nicht nur in unserer Gesellschaft von Mythen“, sagt der Politologe Juri Korgonjuk der SÜDWEST PRESSE. „Auch in den USA sind fliegende Untertassen und Verschwörungstheorien sehr populär.“ Aber im Westen gebe es noch eine Medienvielfalt, die in der Öffentlichkeit für ein komplexeres Weltbild sorge. „Bei uns aber herrscht nur eine Meinung vor, die nach propagandistischen Grundregeln verbreitet wird: Je einfacher, desto besser.“

Die Zweidrittelmehrheit für die Verschwörungstheorie als solche ist wohl tatsächlich das Produkt des russischen TV-Programms. Etwa von Dokumentarserien wie „Die schockierendsten Hypothesen“, in denen schon die Behauptung aufgestellt wurde, die Erde sei doch eine Scheibe. „Und in den Talkshows schreien ,Experten’ in Zuckungen, alle seien gegen uns, alles Böse stamme von dort“, räsoniert der Blogger Matwei Ganapolski. „Wenn man das fünfmal am Tag sieht, auf verschiedenen Kanälen, verwandelt es das Gehirn in Rührei.“

Allerdings glaubt Politologe Korgonjuk, die staatliche TV-Propaganda funktioniere nur bedingt. „Die Rente gehört zu den Alltagsfakten, die jeder Russe unmittelbar am eigenen Leib zu spüren bekommt.“

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