Interview Medizin-Experte: Regeln einer Bürgerversicherung sind völlig unklar

Experte Jürgen Wasem.
Experte Jürgen Wasem. © Foto: Techniker Krankenkasse / Alfred Fontaine
Berlin / Hajo Zenker 04.12.2017
Die SPD fordert eine Bürgerversicherung, um die Zwei-Klassen-Medizin zu überwinden. Professor Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen ist skeptisch.

Professor Jürgen Wasem leitet den Lehrstuhl für Medizinmanagement  an der Universität Duisburg-Essen. Er erklärt, was der Umstieg auf eine Bürgerversicherung bedeuten könnte.

Mit der Bürgerversicherung wird Gerechtigkeit versprochen: Wie gerecht kann die denn sein?

Jürgen Wasem: Das hängt sehr von der Ausgestaltung ab. Wenn alle Bürger ihre Beiträge abhängig von ihrem Einkommen entrichten, würde die finanzielle Gerechtigkeit zunehmen. Wenn Menschen, die bisher in einer privaten Kasse versichert waren, in die Bürgerversicherung wechseln dürfen, hängt es sehr von den Bedingungen ab, ob das für die übrigen Versicherten – sowohl die in der PKV, aus der sie weggehen, als auch die in der Bürgerversicherung – gerecht ist.

Welche Auswirkungen gäbe es auf die Beitragssätze?

Eine Maximalvariante wäre, dass alle heute privat Versicherten in der Bürgerversicherung versichert würden. Das würde je nach Ausgestaltung für die Beitragssätze eine Absenkung von zirka 1,5 bis 2 Prozentpunkten bedeuten – also von heute im Schnitt 15,6 Prozent auf 13,5 bis 14 Prozent. Aber es gilt als verfassungsrechtlich schwierig und politisch unwahrscheinlich, dass man heute privat Versicherte obligatorisch in die Bürgerversicherung überführt.

Wie würde sich die  Qualität der medizinischen Versorgung entwickeln?

Auch da gibt es keine einfachen Antworten. Heute haben privat Versicherte oftmals einen schnelleren Zugang zu neuen medizinischen Produkten und Verfahren als gesetzlich Versicherte. Die längere Wartezeit ist aber nicht nur schlecht, denn da wird der Nutzen neuer Verfahren gründlich geprüft. Auf welche Spielregeln man sich bei einer Bürgerversicherung einigt, ist aber noch völlig unklar.

Gibt es andere Wege, die gesetzliche Versicherung weiterzuentwickeln?

Für mich ist die bessere Vernetzung von niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern ein zentrales Thema. Da müssen wir dringend ran. Die Bevölkerung wird ab Mitte des nächsten Jahrzehnts deutlich altern. Gleichzeitig altern auch die Ärzte. Wir werden in vielen Regionen die Doppelstrukturen einer fachärztlichen Versorgung durch niedergelassene Ärzte und Krankenhäuser nicht aufrecht erhalten können. Daher muss mit Hochdruck an neuen Modellen gearbeitet werden. Die Politik hat Einzelinitiativen ergriffen, aber das passt leider alles vorne und hinten nicht richtig zusammen. Das Thema ist nicht sexy, das weiß ich, aber von hoher Dringlichkeit.

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