Berliner Mauer Mauerbau: Nicht für die Ewigkeit

Berlin / André Bochow 05.02.2018
Am Montag ist die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland genau so lange weg wie sie einst gestanden hat: 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage.

Es gibt einen Zirkeltag-Hashtag zur Berliner Mauer und Karten, in die man im Internet den Mauerverlauf eintragen kann. Ob Mauergedenkstätte oder das Bürgerhaus in Neuenhagen – der 5. Februar 2018 ist eine gute Gelegenheit, über das berühmte Betonbollwerk zu reden. Zeitzeugen sollen sich bei Rundfunksendern melden, Dokumentar- und Spielfilme werden ausgestrahlt, mancherorts diskutieren Prominente. Die vom Intendantenwechsel gebeutelte Berliner Volksbühne versucht es mit Vergangenheit gegen Zukunft. Dem weltstädtischen Anspruch gemäß lautet der Titel „Past vs. Future“. Veranstalter ist aber gar nicht das Theater, sondern sind die Robert-Havemann-Gesellschaft, das Berliner Kolleg Kalter Krieg, die Stiftung Berliner Mauer und die Bundeszentrale für politische Bildung.

Wenn man nicht genau auf den Tag achtet,  sind es ganz allgemein 56-jährige Ex-DDR-Bürger, die nun so lange mit dem „antifaschistischen Schutzwall“ gelebt haben, wie ohne ihn. Sie hatten beim Mauerfall ihre erste Jugend schon hinter sich, waren in der Regel gut ausgebildet oder hatten studiert. Der Jahrgang 1961  ist eher ein Wende-Gewinner-Jahrgang. Egal, was sie im Arbeiter- und Bauernstaat gemacht, was sie auf dem Kerbholz oder welche verlorenen Illusionen die 61er hatten: Als die Mauer und danach die DDR zerbröselte, da war noch genug Lebenszeit für einen Neuanfang. Für einen richtigen.

Die Eltern der damals 28-Jährigen dagegen wurden oft von Umschulung zu Umschulung, vom Arbeitsamt zur Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, von Demütigung zu Demütigung geschickt. An ihnen pappte die DDR wie gefrorener Schneematsch. Im falschen Deutschland gelebt zu haben, wurde ihnen immer wieder aufs Butterbrot geschmiert. Auch wenn die Butter nicht mehr so wässrig und später die Rente gar nicht so übel war.

Aber auch den 1961 Geborenen steckt die „Zone“ in den Knochen. Bis heute. Neuere Umfragen ergeben, dass die jüngeren Ostdeutschen keine Unterschiede mehr zwischen den diesseits oder jenseits der Elbe Aufgewachsenen entdecken können. Ob das wirklich stimmt, wird sich spätestens dann zeigen, wenn Intendanten, Firmenlenker oder Uni-Rektoren in Ost und West nicht mehr vorwiegend westdeutscher Provenienz sind. In der Gegenwart werden sich Ossis, die um die 56 sind, bei allen Unterschieden, die ihre jeweiligen Lebenswege ausweisen, in der Abgrenzung gegenüber den Westdeutschen schnell einig. Flake,  Keyboarder von Rammstein, der wohl weltweit bekanntesten ostdeutschen Band, sagte zu einem Zeitpunkt, als der Kapelle sogar Amerika zu Füßen lag, in einem Interview: „Ganz ehrlich, ich kann die Wessis immer noch nicht leiden.“ Da klatschen sich auch grundsätzlich tolerante ostdeutsche Mitfünfziger lachend auf die Schenkel. Die Wessis, so die feste, gemeinsame Überzeugung, haben keine Ahnung, wie das ist, wenn einem ein ganzer Staat um die Ohren fliegt. Denen fehlt etwas. Wie ein Gen. Dass sich die meisten DDR-Bürger mit diesem diktatorischen Staat irgendwie arrangiert hatten, wird dagegen nicht so häufig thematisiert. Dann schon lieber ein bisschen Nostalgie.

Bei manchen ist es aber noch einmal anders. Wenn in Sachsen und anderswo ostdeutsche Wutbürger ihrer Empörung über alles Mögliche Ausdruck verleihen, ist meistens auch eine Portion Wessi-Hass dabei. Wieso sind die Westdeutschen immer noch reicher als man selbst? Wird nicht die Systempresse von ihnen beherrscht? Multi-Kulti, 68er-Bewegung und veganes Essen – alles westdeutsch.

Und da sind wir auch wieder bei der Mauer. Ein Teil der DDR-61er zückt noch heute an ausländischen Grenzstationen den Pass und sagt: „Danke Helmut.“ Selbst weit links stehende ältere Bürger mit DDR-Hintergrund  haben noch immer dieses brustkastendehnende Gefühl der Freiheit, das sie mit dem Altkanzler Kohl verbinden. Der hatte nach dem Fall der Mauer den berühmten Mantelzipfel der Geschichte zu fassen bekommen. Das war zumindest für einige ein großes Glück.

Ob man es glaubt oder nicht: Für die Einheit zu sein und die Westdeutschen wegen kolonialen Gebarens anzuprangern, geht problemlos zusammen.

Aber ein anderer Teil des Jahrgangs 1961 tummelt sich jetzt bei Pegida, in der AfD, bei den Reichsbürgern und in ähnlichen Vereinen. In diesen Zeitgenossen hat die  Mauer gewissermaßen Wurzeln geschlagen. Die Erinnerung an das kleine, unfreie, aber so geordnete, sichere und fast fremdenfreie Land lebt. Es wird zum Sehnsuchtsort. Grenzen dicht!  heißt wieder die Parole. Diesmal für die, die von außen kommen. Man will ja bei allem hochgequirlten Patriotismus nicht auf „All inclusive“ auf Mallorca oder auf die Safari durch Kenia verzichten. Der Ostdeutsche im mittleren Alter ist viel öfter gut bei Kasse als die ständigen Klagen über Benachteiligungen aller Art vermuten lassen. Doch er hat Angst, dass man ihm wieder etwas oder alles wegnehmen könnte.

So gesehen existiert die Mauer munter weiter. Auch auf andere Weise. Wer in Berlin behauptet, er wisse gar nicht mehr, wo Ost-und Westberlin waren, der ist nicht von dort. Man muss nur zur Bernauer Straße fahren und sich die Grenze ansehen. Sie verläuft immer noch dort, wo früher die Mauer stand und geht jetzt direkt durch den Stadtbezirk Mitte.

Auf der einen Seite der Bernauer ist das gentrifizierte Ost-Alt-Mitte, auf der anderen der Wedding. Der war mal rot und wird nun vor allem von Migranten geprägt. Doch allmählich wird auch diese Grenze überwunden. Die Gentrifizierung schwappt hinein in diesen Stadtbezirk. Am Ende reißt der Kapitalismus eben doch alle Schranken nieder. Wer lange mit und danach lange ohne Mauer gelebt hat, kann ein Lied davon singen.