Seit einigen Wochen gibt Markus Söder viele Pressekonferenzen. Journalisten sind dazu wegen der Corona-Ansteckungsgefahr nicht zugelassen. Doch im Internet und meist auch im Fernsehen werden seine Statements übertragen, die Nation kann sich ein Bild machen vom Handeln des bayerischen Ministerpräsidenten im Kampf gegen das tückische Virus – davon, was er verkündet und verordnet. Der CSU-Chef gibt in München die Dinge vor, wenige Tage oder gar Stunden später gelten sie mit kleineren Abweichungen in ganz Deutschland. Nicht die Kanzlerin und auch nicht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) werden als tatkräftig­ste Anti-Corona-Politiker wahrgenommen. Größter Aktivposten ist der 53-Jährige aus Bayern.

Staatstragend und zupackend

„Ich habe viele Ideen, und ich bin schnell“, hat er mal im Gespräch gesagt. Nun scheinen diese Attribute voll zum Tragen zu kommen. Dass Söder voranschreitet und die anderen nachziehen, ist erstmals am Freitag, 13. März, zu besichtigen. Schüler und Lehrer sitzen noch in ihren Klassenzimmern, als der Ministerpräsident kurzfristig vormittags eine Pressekonferenz einberuft und die Schließung der Schulen ankündigt. Nach und nach folgen die anderen Bundesländer. Der CSU-Politiker entwickelt in dieser Krise ein Profil, das bundesweit ausstrahlt. Es ist eine Mischung aus staatstragendem und zupackendem Auftreten. „Jeder Einzelne hat eine Verantwortung“, sagt er an jenem 13. März. Und: „Wir dürfen nicht nur debattieren, wir müssen handeln.“

Vieles geht Markus Söder zu langsam. Ungeduld ist ihm schon immer zu eigen: 1994 wird er mit 27 Jahren der jüngste bayerische Landtagsabgeordnete. Zusammen mit der damals 29-jährigen Ilse Aigner darf er die erste Sitzung der Legislaturperiode im Maximilianeum leiten. Ungeduldig bis in die Haarspitzen arbeitet er später daran, teils mit Intrige und Brechstange, Horst Seehofer als Ministerpräsidenten abzulösen. Dieser sträubt sich bis zuletzt, die Partei fetzt sich in aller Öffentlichkeit. Doch am 16. März 2018 ist es soweit: Die CSU-Landtagsfraktion wählt Söder mit allen Stimmen zum neuen obersten Bayern.

Der Rest der Republik folgt

Und nun Corona: Drei Tage nach Verkündung der Schulschließungen die nächste Pressekonferenz. Es ist Montag, 16. März, ein Tag nach den bayerischen Kommunalwahlen. Das durchwachsene Ergebnis seiner CSU scheint Söder da schon nicht mehr zu interessieren. Stattdessen ruft er wegen Corona bayernweit den Katastrophenfall aus, das hat es so noch nie gegeben. Der Wirtschaft werden Milliardenhilfen versprochen, sämtliche Freizeiteinrichtungen geschlossen, die für den alltäglichen Bedarf nicht benötigten Läden dicht gemacht. Der Rest der Republik folgt.

Bei diesem Pressetermin zeigt sich deutlich die von Söder festgelegte Aufstellung innerhalb der bayerischen Regierungsmannschaft: Am Pult in der Mitte steht der Ministerpräsident selbst. Er redet auch die meiste Zeit, während rechts von ihm Wirtschaftsminister Hubert ­Aiwanger (Freie Wähler) und links Gesundheitsministerin Melanie Huml sowie ­Innenminister Joachim Herrmann (beide CSU) zuhören. Söders Pult ist ­höher als das der anderen, nur auf seinem ist das Landeswappen abgebildet – der bayerische Löwe. Nach Söder dürfen die Minister auch etwas sagen, aber er schaltet sich immer wieder ein, die anderen wirken wie niederrangige Gehilfen des 1,93 Meter großen Ministerpräsidenten.

Wer besetzt den ersten Platz?

Diesem Politiker ist es ungemein wichtig, wer den Platz eins besetzt. Nimmt er diese Position unumstritten ein, kann er der umgänglichste Mensch sein. Dann strahlt er Seriosität und Verantwortung aus. Zurzeit trifft er offenbar genau den richtigen Ton, zeigt Entschlusskraft und Empathie, erzählt, wie schwer es auch seiner Familie fällt, die Aktivitäten herunterzufahren. Er prägt das Wort vom „Charaktertest“ für unsere Gesellschaft im Umgang mit Corona.

Markus Söder ist ein Verkaufstalent, mancher bezeichnet ihn als wandelnde Ich-AG. In der Vergangenheit ist er vielen zu windig und zu breitbeinig dahergekommen. Alles von ihm Gemachte sollte größer und bedeutender sein als die Dinge zuvor: Als bayerischer Umweltminister preist er seine Abkehr von der Atomkraft als epochalen Wandel an. Als Finanzminister legt er im Freistaat die seiner Ansicht nach besten Haushalte ­aller Zeiten vor. Als Ministerpräsident lobt er als „historisch“, dass sein Heimatministerium – eine Zweigstelle des Finanzressorts – seinen Dienstsitz nicht in München, sondern in Nürnberg bezogen hat. Mit der Corona-Krise hat Markus Söder nun tatsächlich eine Aufgabe bekommen, die als historisch gelten kann.

Am Freitag, 20. März, verkündet er die weitreichenden Ausgangsbeschränkungen für Bayern – ohne das mit dem Bund und den anderen Ministerpräsidenten abgesprochen zu haben. Da braut sich Unmut zusammen. In der Telefonkonferenz zwei Tage später macht ihm, wie kolportiert wird, Armin Laschet – NRW-Landeschef und Aspirant für den CDU-Vorsitz – heftige Vorwürfe. Zugleich hat Laschet hinter Söders Rücken mit elf weiteren Ministerpräsidenten eine Art Gegenentwurf erarbeitet. Söder erbost dieses Vorgehen so sehr, dass er droht, die Konferenz zu verlassen.

Der Blick nach Österreich

Als Vorbild für Bayern und Deutschland in Sachen Corona nennt der CSU-Politiker immer wieder die schwarz-grüne Bundesregierung in Österreich mit ihrem jung-konservativ-agilen Kanzler Seba­stian Kurz von der ÖVP. Kurz zeigt Härte – die Grenzen geschlossen, Ausgangssperren, viel Polizeikontrollen. Österreich ist laut Söder Bayern in der Pandemieentwicklung um drei Wochen voraus. Und Österreich lockert nun ein wenig. Wie Kurz ist auch Söder kein glühender Anhänger eines offenen und geeint handelnden Europas. Dass Reisen und Freizügigkeit abgeschafft sind, dass keine echte europäische Solidarität herrscht, dass Polizisten Menschen von Parkbänken vertreiben, die dort ein Buch lesen: All das scheinen sie als Tribut an einen starken Staat anzusehen.

Söder treibt Deutschland an – und dabei setzt er gerne noch eins drauf. Er verkündet 500 Euro Bonuszahlung für die Pflegekräfte – der Bund verspricht kurz darauf 1500 Euro. Söder sagt, dass seine Zulage dennoch bleibe: In Bayern erhalten die Beschäftigten nun also 2000 Euro. Er ruft ein Forschungsprojekt für München an 4500 Bürgern aus, um die Verbreitung des Virus zu dokumentieren, vor allem die unentdeckten, symp­tomlosen Fälle – der Bund folgt mit ­einer ähnlichen Aktion. Er spricht von einer künftigen Maskenpflicht, Bund und Länder dürften sie bei ihrer heutigen Besprechung beschließen.

Spitzenwerte in Umfragen

Lange, lange ist ihm die Sympathie der Bevölkerung verwehrt geblieben. ­Markus Söder galt als Fiesling, als gnadenloser Karrierist. In der CSU fürchten sie viele Jahre, dass dieser Mann keine Mehrheiten ­holen kann. Jetzt aber beschert ihm eine neue Umfrage Spitzenwerte: 94 Prozent der Bürger im Freistaat sind derzeit mit Söders Arbeit zufrieden.  Die CSU würde bei einer Landtagswahl mit ­49 Prozent eine satte absolute Mehrheit der Mandate einfahren, sie steht 13 Prozent über ihrem Wert vom Januar 2020. Auch bundesweit steigen Söders Beliebtheitswerte deutlich. Und: Er hat im Vergleich zur letzten Umfrage im Freistaat die AfD nahezu halbiert – ihm gelingt in seinem Bundesland, was Friedrich Merz, Bewerber um den CDU-Parteivorsitz, als langfristiges Ziel für ganz Deutschland ausgegeben hat.

Beste Voraussetzungen also für eine CSU/CDU-Kanzlerkandidatur – das weiß Markus Söder. Wer sich als Krisenmanager bewährt, dem traut man auch zu, die Republik zu führen. Die Karten werden jetzt neu gemischt. Im Kampf um den CDU-Vorsitz steht Friedrich Merz – auch nach seiner Corona-Genesung – ohne Amt im Abseits. Der CSU-Chef will ihn verhindern, Söder hält Merz für einen Mann von gestern. Norbert Röttgen? Taucht nicht mehr auf. Und Armin Laschet jongliert in Nordrhein-Westfalen hin und her. Dem bayerischen Ministerpräsidenten schmeichelt die Sympathie, die man ihm entgegenbringt,  ungemein. Zu gerne würde er gerufen werden. Wie er sich dann entscheiden würde? Das dürfte Markus Söder heute selbst noch nicht wissen.