Welche Gefahren drohen Ihrer Gewerkschaft durch das Gesetz?Rudolf Henke: Berufsgewerkschaften sind strukturell immer Minderheit im Betrieb, auch wir. In Krankenhäusern sind nur rund
15 Prozent des Personals Ärzte. Selbst wenn wir jeden als Mitglied gewinnen könnten, was äußerst unwahrscheinlich ist, hätten wir kaum eine Chance, die Gewerkschaft mit den meisten Mitgliedern im Betrieb zu sein und einen Tarifvertrag durchzusetzen. Denn es kommt auf die Mehrheit im Betrieb an, nicht auf die Mehrheit im Beruf.Für das Gesetz haben sich nicht nur Arbeitgeber, sondern auch der Deutsche Gewerkschafts-Bund eingesetzt. Haben Sie dafür Verständnis?

Die DGB-Spitze erweist damit allen Gewerkschaften einen Bärendienst. Dass es ein Gewerkschafts-Dachverband überhaupt wagt, Grundrechte von Arbeitnehmern unter einen Mehrheitsvorbehalt zu stellen, ist unfassbar. Der DGB will sich so auch Konkurrenz vom Hals schaffen. Das Grundgesetz legt aber eindeutig fest, dass die Koalitionsfreiheit für jedermann und für alle Berufe gilt, nicht nur für Branchengewerkschaften.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, das Gesetz in Karlsruhe zu kippen?

Ich bin zuversichtlich. Unseren Eilantrag zur sofortigen Aussetzung des Gesetzes hat das Verfassungsgericht zwar Ende 2015 abgelehnt, zugleich aber gewichtige Nachteile anerkannt und auf die Grundsatzentscheidung im Hauptsacheverfahren verwiesen.

Was spricht denn gegen Tarifgemeinschaften, in denen sich Gewerkschaften zusammenschließen?

Dagegen spricht nichts, sofern sie freiwillig entstehen. Wir selbst haben früher im öffentlichen Dienst einer Tarifgemeinschaft angehört. Erst als Verdi in den Verhandlungen über den neuen Tarifvertrag ärztliche Interessen weitgehend außer Acht gelassen hat, sind wir ausgestiegen und haben seither eigene Verträge ausgehandelt. Wir sehen dies auch als einen Beitrag zur Nachwuchssicherung in den Krankenhäusern. Eine erzwungene Tarifeinheit macht diese Pluralität zunichte.