Südafrika Mandelas Erbe

Kapstadt / Von Rasso Knoller 11.07.2018

Tulani Mabaso, 53, sitzt in seiner ehemaligen Zelle auf einer einfachen Pritsche, die Ellbogen auf die Oberschenkel gestützt, und weint. Tag für Tag führt er die Besucher über die Gefängnisinsel Robben Island, die Tränen kann er trotzdem nicht zurückhalten. Dann rafft er sich auf und sagt: „Hier war ich acht Jahre gefangen“. Heute ist Mabaso Touristenführer an dem Ort, an dem auch Nelson Mandela gefangen gehalten wurde. Nicht immer kann er sich überwinden, den kleinen Raum wieder zu betreten. „Wenn ich es schaffe, zeige ich Euch meine Zelle“, hatte Mabaso zu Beginn der Führung gesagt. „Wenn ich zu deprimiert bin, lassen wir es einfach.“

Der Rundgang über die Gefängnisinsel führt zuerst ohnehin zur Zelle Nummer 7 in Block B. In der saß von 1964 bis 1982 Nelson Mandela. Wie Mabaso verbrachte auch er seine Tage in einem winzigen Raum, zwei Meter lang, zwei Meter breit, ein schmales Oberlicht lässt ein wenig Tageslicht hinein. Nur ein winziges Privileg hatte der spätere Präsident Südafrikas. Mabaso deutet auf ein paar Sträucher, die sich an die Mauer drängen und nennt das „Mandelas Garten“. Die dürren Pflanzen waren ein Zeichen der Hoffnung in der Welt des Gefängnishorrors. Optimismus in aussichtslosen Situationen, das hat Mandela ausgezeichnet.

Tulani Mabaso war erst 17 Jahre alt, als er 1982 zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Er hatte im Auftrag des African National Congress (ANC) im Polizeihauptquartier Johannesburg eine Bombe deponiert. Als sie hochging, war das Gebäude längst geräumt, der ANC hatte die Polizei gewarnt. Mabaso, damals Befehlsempfänger in den Reihen des Widerstands gegen das Apartheid-Regime, wurde einige Tage nach dem Anschlag festgenommen, vor Gericht gestellt und in einem Schnellverfahren verurteilt. „Als ich das Urteil hörte, lachte ich den Richter aus, ich wusste ja, ich würde die 18 Jahre nie absitzen müssen. Das Regime war kurz vor dem Ende.“

27 Jahre in einer winzigen Zelle

Ganz so schnell ging es dann aber doch nicht. 1991 wurde Mabaso entlassen, da hatte das Land bereits viele Jahrzehnte der Rassentrennung hinter sich. „Der beste Weg nach vorn zu gehen, ist, sich mit der Vergangenheit auszusöhnen“, hat Mandela gesagt. „Das war hart, denn die Leute, mit denen wir uns aussöhnen sollten, waren die, die uns gefoltert hatten“, sagt Mabaso. Mandela war jemand, der verzeihen konnte. Vielleicht war es dieser Charakterzug, der ihn zum ersten frei gewählten Präsidenten Südafrikas nach Ende der Apartheid machte.

Dabei hätte Mandela Grund genug gehabt, wütend zu sein. Geboren am 18. Juli 1918 trat er 1944 als Jurastudent dem ANC bei und wurde 1951, drei Jahre nach Einführung der Apartheid, Vorsitzender der Jugendorganisation der Partei. 1963 wurde er festgenommen und zu fünf Jahren Gefängnis wegen des Aufrufs zur öffentlichen Unruhe verurteilt. Kurz danach wurde die gesamte ANC-Spitze verhaftet. Obwohl Mandela bereits hinter Gittern saß, verurteilte ihn das Gericht in einem weiteren Prozess als Hauptangeklagten wegen „Sabotage und Planung eines bewaffneten Aufstands“ zu lebenslanger Haft. In seinem vierstündigen Schlussplädoyer skizzierte Mandela den Widerstandskampf gegen die Apartheid. Es sollte seine letzte öffentliche Rede für fast drei Jahrzehnte werden.

Erst Ende der achtziger Jahre drehte sich der Wind. Der damalige Staatspräsident Frederik de Klerk ließ sich auf Verhandlungen mit Mandela ein und veranlasste seine Freilassung. Bereits am Tag der Haftentlassung am 11. Februar 1990 hielt Mandela im Stadion von Soweto vor 120 000 Zuhörern eine Rede, in der er seine Politik der Versöhnung vorstellte. Er forderte „alle Menschen, die die Apartheid aufgegeben haben“, egal ob schwarz oder weiß, zur Mitarbeit am neuen Südafrika  auf. Im Juli 1991 wurde Mandela einstimmig zum Präsidenten des ANC, 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt. Mandelas Erbe ist nicht zu überschätzen.

Heute, fünf Jahre nach seinem Tod, ist dieses Erbe in Gefahr.  „Die Zeit für Ausgleich ist vorbei; jetzt ist die Zeit für Gerechtigkeit gekommen“, sagte Julius Malema, der Vorsitzende der Partei der Kämpfer für wirtschaftliche Freiheit (EFF). Und Gerechtigkeit bedeutet für Malema: Enteignung von weißen Bauern, entschädigungsfrei. Nach Versöhnung klingt das nicht mehr. Die EFF ist eine linksradikale Partei, doch ihr Antrag im Parlament wurde auch vom ANC unterstützt. Nach der Präsidentschaft des korrupten Jacob Zuma droht Mandelas Partei bei den Wahlen im kommenden Jahr der Machtverlust. Mit Enteignungen will sie bei ärmeren ANC-Anhängern verlorene Sympathie zurückgewinnen.

Auch Mandela hatte die Überführung von weißem Besitz in schwarze Hände vorgesehen – allerdings wollte der große Versöhner dies ohne Zwangsmaßnahmen schaffen. 1994 hatte er versprochen, dass innerhalb von zwanzig Jahren ein Drittel des Landes, das Weißen gehört, vom Staat aufgekauft und an Schwarze verteilt werden soll. Bislang sind es nicht einmal zehn Prozent.

„Wir sind ganz schön weit gekommen“

Denis Goldberg saß nicht in Robben Island ein – selbst im Gefängnis achtete das Regime auf die Rassentrennung. Goldberg, das damals wichtigste weiße Mitglied des südafrikanischen Widerstands, wurde in Pretoria eingesperrt. Anders als seine Mitangeklagten verurteilte ihn das Gericht sogar zu viermal lebenslanger Haft, galt er doch dem weißen Regime als Verräter.

Heute ist Goldberg 85 Jahre alt und einer der letzten lebenden Helden des Anti-Apartheid-Kampfes. Er hat Lungenkrebs und sitzt im Rollstuhl. Er lacht trotzdem, strahlt einen aus seinen klaren Augen an und reiht eine Anekdote an die andere. Goldberg ist ein Mann, der am Ende seines Lebens mit sich im Reinen ist. Der Kampf gegen die Apartheid sei jeden Tag im Gefängnis Wert gewesen, sagt er. „Du tust einfach das, von dem du weißt, dass es richtig ist.“

Auf dem Tisch liegt ein Buch über den neuen Präsidenten Ramaphosa, den Mann, der nach dem korrupten Zuma zumindest einen Teil von Mandelas Erbe retten soll. Ramaphosa habe Fehler gemacht, sagt Goldberg, habe sie aber eingestanden, und er, Goldberg, traue ihm zu, verlorenen Kredit zurückzugewinnen. „Wir haben jetzt die Macht, die Frage ist aber, wie wir sie nutzen“, sagt Goldberg. Es werde mehrere Generationen brauchen, bis die Schäden, die die Apartheid angerichtet hat, beseitigt sind. Trotzdem ist der einstige Widerstandskämpfer zufrieden. „In 24 Jahren sind wir doch ganz schön weit gekommen.“

Die Menschen in Südafrika werden dennoch ungeduldig. Nirgends ist der Unterschied zwischen Arm und Reich so groß wie hier. Malemas Plan, die weißen Farmer zu enteignen, fällt da auf fruchtbaren Boden.

Wirklich frei ist er immer noch nicht

Auch Tulani Mabaso, der Touristenführer, ist arm. Er mag vor 30 Jahren aus der Haft entlassen worden sein, ein Gefangener von Robben Island ist er immer noch. Obwohl es ihn schmerzt, fährt er jeden Morgen mit der Fähre in seine Vergangenheit. Nicht zur Selbsttherapie oder um der Nachwelt die Grausamkeit der Apartheid vor Augen zu führen. Er kommt hierher, weil er muss.

Mabaso, dem seine Peiniger die Beine gebrochen haben, kann kaum mehr laufen. Beim Waterboarding, als sie seinen Kopf in einen Sack steckten und dann minutenlang unter Wasser hielten, platzte sein Trommelfell. Seitdem kann er kaum noch hören. In Deutschland wäre Mabaso schwerbehindert, in Südafrika gilt er als zu schwach, um zu arbeiten. Weil er keine andere Arbeit findet und doch eine Familie ernähren muss, die draußen in einer Wellblechhütte in einer Township am Rande Kapstadts lebt, tritt er Morgen für Morgen aufs Neue die qualvolle Reise in seine Vergangenheit an.

Auf ein „Mandela Haus“ – der Präsident hatte allen Wohnungslosen nach seinem Regierungsantritt eine Bleibe versprochen – wartet er noch heute. Zusammen mit vielen anderen steht er seit mehr als 20 Jahren auf einer Warteliste. Noch ein paar Jahre fehlen, dann kann seine Familie das Wellblech über dem Kopf mit einem festen Dach tauschen – wenn er Glück hat, der Staat hat kaum Geld. Die Korruption während der Regierungszeit Zumas hat das Land um viele Jahre zurückgeworfen. Über ihn will Mabaso aber nicht reden. Lieber spricht er über sein Vorbild Nelson Mandela: „Eines kann ich dir sagen: Mandela, der hat uns nie verraten.“ Dann streicht er sich mit seiner riesigen Hand eine Träne aus dem Gesicht und besteigt die Fähre zurück zum Festland.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel