Auf die Frage, ob sie Mathe-Aufgaben schnell begreifen, antworten Jungen demnach wesentlich häufiger mit Ja als Mädchen. Diese stimmen eher der Aussage zu, "einfach nicht gut" in dem Fach zu sein - selbst dann, wenn sie im Pisa-Test genauso gut abschneiden wie Jungen.

Diese Haltung schlägt sich auch auf die Berufswahl nieder: Unter 20 Mädchen im Alter von 15 Jahren kann sich weniger als eines vorstellen, später in einem sogenannten Mint-Fach (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) zu arbeiten. Bei den Jungen sind es vier von 20.

Wie genau sich die Haltung zur Mathematik bei Mädchen und Jungen unterscheidet, hat das Tübinger Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung untersucht. Das Ergebnis: Jungen haben einen stärkeren persönlichen Bezug zur Mathematik, Mädchen hingegen empfinden Mathe als unattraktiv. Sie sehen den Nutzen von Mathematik vor allem für die Schule, weniger für Studium, Karriere oder Alltag.

Kommentar von Andreas Clasen: Bedeutungsloser Durchschnitt

Jungs können in Deutschland durchschnittlich besser rechnen und Mädchen flüssiger lesen. Das kam 2012 beim Schulleistungstest Pisa der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) raus.

Was sollen Eltern mit solchen Ergebnissen anfangen? Auf jeden Fall nicht auf ihren Sohn oder ihre Tochter übertragen. Solche Daten sind Durchschnittswerte, und jeder Statistikstudent lernt, dass diese nicht auf den Einzelfall bezogen werden dürfen. Wer das bei der Pisa-Studie dennoch tut, steckt das eigene Kind in eine Schublade und stärkt das alte Vorurteil, dass Mädchen allein für soziale Berufe taugen und alle Jungs geborene Ingenieure seien.

Der OECD-Bildungsbericht zur Chancengleichheit der Geschlechter zeigt leider, dass noch viele Deutsche diesen alten Denkschemata folgen: Rund 40 Prozent der Eltern können sich vorstellen, dass ihre Söhne in den Bereichen Wissenschaft, Technik oder Maschinenbau Karriere machen, bei den Töchtern gilt das für 15 Prozent. Diese Denke überträgt sich zu allem Unglück auf die Kinder. Mädchen, die gleich gut rechnen wie ihre Schulkameraden, trauen sich seltener eine Karriere in besagten Bereichen zu als die Jungs.

Das muss sich ändern und das kann sich ändern, das zeigen die asiatischen Staaten, wo die Studie kaum geschlechtsspezifische Unterschiede feststellt. Das geht sogar ganz einfach: Eltern, Verwandte und Lehrer müssen den Mädchen nur mehr zutrauen.