Seit Sie und Bernd Riexinger die Parteiführung übernommen haben, ist es recht ruhig geworden. Hat der Blick in den Abgrund, von dem Gregor Gysi oft gesprochen hat, die Linke zusammengeschweißt?

Katja Kipping: Der Göttinger Parteitag war ein reinigendes Gewitter. Das letzte Jahr war für die Linke ein gutes Jahr. Wir haben einen Entwicklungssprung gemacht, vor allem was die Debattenkultur betrifft. Wir konzentrieren uns jetzt wieder auf den Kern unseres Wir, also die Unbestechlichkeit gegenüber Krieg und Rüstungsexporten, die Bekämpfung sozialer Ungleichheit durch eine gerechtere Verteilung zwischen Arm und Reich und die Interessenvertretung der Ostdeutschen.

Beim Thema Umverteilung von oben nach unten schläft die Konkurrenz nicht. Das Wahlprogramm der SPD setzt linke Akzente, die Grünen drehen sogar noch etwas stärker an dieser Schraube. Macht das die Linkspartei nicht überflüssig?

Kipping: Zuallererst ist das unser Erfolg, wenn Fragen der Steuergerechtigkeit in den Blickpunkt rücken. Wenn wir die Abschaffung von Hartz IV wollen und stattdessen eine sanktionsfreie Mindestsicherung, dann haben SPD und Grüne an dieser Stelle nichts zu bieten, ebenso wenig bei der Bekämpfung von Altersarmut. Außerdem korrigieren SPD und Grüne bei der Anhebung des Spitzensteuersatzes nur teilweise ihre Fehlentscheidungen aus der rot-grünen Regierungszeit. Unsere Vorstellungen bei der Steuerpolitik sind nicht nur radikaler, sondern auch anders: Wir wollen Millionäre belasten, um den Mittelstand zu entlasten.

Wie kommt es eigentlich, dass die von Ihnen reklamierten Erfolge – Einführung von Mindestlöhnen, Angleichung bei den Renten – der Linkspartei nicht gutgeschrieben werden?

Kipping: Ich plädiere für Selbstbewusstsein. Wenn vier Millionen Menschen schon heute von einem Branchenmindestlohn profitieren, dann ist das noch nicht der flächendeckende Mindestlohn, den wir fordern, aber ohne unseren Druck hätte es diese Entwicklung gar nicht gegeben. Oder wenn die Einnahmen von Hartz IV-Kindern aus Ferienjobs nicht mehr so stark angerechnet werden, geht das auf unsere Forderungen zurück. Die Liste ließe sich fortsetzen.

"Die SPD hat ein Glaubwürdigkeitsproblem."

Aber es kann doch nicht Ihr Ziel sein, nur Themen nur zu setzen. Kommt mit der Bundestagswahl im September die Chance auf Regierungsbeteiligung mit Rot-Grün? Zumal sich Oskar Lafontaine als Haupthindernis für eine Zusammenarbeit mit der SPD selbst aus dem Rennen genommen hat?

Kipping: Ganz offensichtlich war der Verweis auf Oskar Lafontaine nur vorgeschoben. Bernd Riexinger und ich haben der SPD gleich nach unserer Wahl die Türen für eine Zusammenarbeit geöffnet, wenn sie wie wir auf Krieg und Rüstungsexporte verzichtet, wenn sie Armut konsequent bekämpft, sanktionsfreie Mindestsicherung einführt und das aus der Reichenbesteuerung finanziert. Aber die SPD hat das ebenso kategorisch abgelehnt wie die Grünen. Eine Regierung mit der FDP schließen sie nicht so kategorisch aus. Das führt zu ihrem Glaubwürdigkeitsproblem.

Die SPD feiert am 23. Mai in Leipzig 150 Jahre SPD. Haben Sie, eine Einladung bekommen?

Kipping: Ja, ich fahre auch hin. Da wird ja der 150. Geburtstag des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins gefeiert. Da geht es auch um eine Traditionslinie meiner Partei. Ich bestreite den Alleinvertretungsanpruch der SPD für diese Tradition.

Ihr Fraktionsvorsitzender Gregor Gysi hat, wie ihm Finanzjongleur Carsten Maschmeyer in einer Talkshow vorgeworfen hat, diesen im Interesse eines Mandanten um Hilfe gebeten. Der Mandant soll von einer Bank um Goldmillionen gebracht worden sein, Maschmeyer sollte vermitteln. Wie bewerten Sie das?

Kipping: Ich finde, Gregor Gysi hatte nicht nur in der jüngsten Zeit ausgezeichnete Talk-Show-Auftritte. In diesem Fall hat er nach Meinung des Publikums die Auseinandersetzung mit Maschmeyer klar gewonnen. Da hat er mit unseren Inhalten und seinem Charme klar für uns gepunktet. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

"Die AfD ist rechts."

Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht wollen den Euro abschaffen, wenn es keine ausgleichende Lohnpolitik gibt. Glauben Sie, dass Wähler einen Unterschied zu Parteien erkennen, die den Euro aus nationalen Interessen abservieren möchten?

Kipping: Erstens hat Lafontaine nicht den Wunsch nach einer Abschaffung des Euros geäußert sondern vor der Gefahr des Scheiterns gewarnt. Es ist ein riesiger Unterschied, ob man wie die AfD aus sozialer Kälte und nationaler Enge heraus den Euro ablehnt, oder ob man aus sozialer Verantwortung und europäischer Überzeugung Überlegungen anstellt. Zweitens steht in unserem Programmentwurf, dass unsere Alternative zu Merkels Kurs der Bankenrettung nicht raus aus dem Euro sondern rein in die Sozialunion heißt. Wir formulieren die exakte Gegenposition zur AfD. Die sind rechts, wir sind links.

Haben Sie Angst, bei der Bundestagswahl die Fünf-Prozent-Hürde nicht zu schaffen?

Kipping: Nein, kein bisschen. Die Sorge haben wir hinter uns gelassen.

Die Bundeskanzlerin hat mit Blick auf ihre DDR-Biografie gesagt, sie erinnere sich nicht daran, in der FDJ als Sekretär für Agitation und Propaganda gearbeitet zu haben, aber es könne sein, dass es so war. Ist das aus Ihrer Sicht ein akzeptabler Umgang mit der eigenen Vergangenheit?

Kipping: Dieser Fall ist ein klassisches Beispiel dafür, wie aus westdeutscher Sicht über den Osten geurteilt wird. Der ehrenamtliche Verantwortliche für Agitation und Propaganda war in der Regel für die Wandzeitung verantwortlich. Was ich der Kanzlerin vorwerfe, ist ihr mangelnder Einsatz für den Osten. Sie hat ihr Wahlversprechen von 2009, die Ostrentenangleichung bis 2013 zu schaffen, gebrochen. Jetzt sollte sie endlich einen verbindlichen neuen Termin nennen. Sie könnte die Lohneinheit voranbringen und per Gesetz festlegen, dass nur noch Tarifverträge allgemeinverbindlich erklärt werden, die einen bundesweit einheitlichen Mindestlohn enthalten. Bis jetzt gibt es in den meisten Branchen mit Mindestlöhnen einen Ost-Abschlag. Das wären zwei Punkte für eine Agenda Ost. Aber der Kanzlerin fehlt das Auge für den Osten.

"Kumpanei zwischen Behörden und rechten Terroristen."

In München läuft der NSU-Prozess und der Untersuchungsausschuss des Bundestags wird im Sommer seinen Abschlussbericht vorlegen. Sind Sie mit der politischen Aufarbeitung der NSU-Morde zufrieden?

Kipping: Wir haben ja mit Petra Pau eine äußerst couragierte und engagierte Mitstreiterin im Untersuchungsausschuss. Nach dem, was sie berichtet, ist die Aufklärung, gelinde gesagt, schwierig. Das fängt schon damit an, dass sich Zeugen in besorgniserregender Zahl krank melden oder an kollektivem Gedächtnisschwund leiden. Aber das Bild, das sich formt, deutet darauf hin, dass es eine regelrechte Kumpanei einiger staatlicher Behörden mit den rechten Terroristen gab.

Bleiben Sie dabei, dass man den Verfassungsschutz und die anderen Nachrichtendienste auflösen sollte?

Kipping: Ja. Das steht auch so in unserem Entwurf zum Wahlprogramm.

Sie hatten vor dem Göttinger Parteitag versichert, Sie würden nicht Vorsitzende, weil Sie sich um Ihr Kind kümmern wollen. Nun ist Ihre Tochter eineinhalb und Sie schon eine Weile Parteichefin. Funktioniert die Einheit von Beruf und Familie?

Kipping: Für mich stand von Anfang an fest, dass ich die Funktion nicht zu Lasten meines Kindes ausüben will. Ich reserviere eine feste Stundenzahl für meine Tochter und sage eben auch nein zu Terminen. Es gibt Ausnahmen, aber normalerweise ist um 16 Uhr Schluss. Das funktioniert auch. Nicht zuletzt, weil wir eine gute Arbeitsaufteilung in der Parteiführung haben und weil mein Mann die Hälfte der Elternarbeit übernimmt.