Berlin / Gunther Hartwig  Uhr
Noch regiert eine Kanzlerin, die als bemerkenswert uneitel gilt. Doch immer unnachgiebiger drängt ein neuer Typus auf die Bühne – smart, kompromisslos, ichbezogen.

Christian Lindner hat seine Partei vom Abgrund zurück in den Bundestag geführt. Doch seit der FDP-Chef die Sondierungsgespräche für eine Jamaika-Koalition platzen ließ, gilt er als der „Buh-Mann der Nation“ („Bild“). Union und Grüne bleiben dabei, inhaltlich sei man auf gutem Weg gewesen. Und so drängt sich die Frage auf: Ist der neue Politiker-Typus, den Lindner wie kein zweiter in Deutschland verkörpert, weniger am Gemeinwohl als an sich selbst und seiner Inszenierung  interessiert?

Ein Blick zurück: Willy Brandt, Herbert Wehner, Helmut Schmidt – die ­legendäre SPD-Troika stand einst fast idealtypisch für ein jeweils eigenes Politikermodell. Der charismatische Visionär, der knorrige Kärrner und der krisen­erprobte Macher repräsentierten über viele Jahre drei unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen, die paradigmatisch für die parteipolitische Elite der Bonner Republik waren. Auch ein Mannsbild wie Franz Josef Strauß (CSU) zählte zu den herausragenden Führungsfiguren jener Zeit, ein Machtmensch mit hoher Intelligenz, brachialer Rhetorik und gnadenlosem Ego.

Es ist oft darüber geschrieben worden, dass diese Generation mit unmittelbarer Kriegserfahrung über besondere Fähigkeiten verfügte – Behauptungswillen, Pflichtbewusstsein, Wertefundament, Berufsethos. Auch Helmut Kohl berief sich später auf seine prägenden Erlebnisse als Kind im Dritten Reich und als Jugendlicher der Nachkriegszeit, um seine politischen Überzeugungen als Christdemokrat und Europäer historisch zu begründen. Die persönliche Biographie taugte als Erklärungsmuster für beispielhafte Parteikarrieren.

Noch 1985 unterschieden die beiden Wirtschaftsprofessoren Guy Kirsch und Klaus Mackscheidt drei Politikertypen: den Amtsinhaber, den Staatsmann und den Demagogen. Gelten diese Bezeichnungen noch für eine politische Klasse, die sich erkennbar von der Väter- und Großvätergeneration emanzipiert hat und offenkundig andere Vorstellungen von der „Politik als Beruf“ (Max Weber) verfolgt als die Altvorderen? „Politik“, sagt der britische Kulturtheoretiker Terry Eagleton, „wird immer mehr zu einer Frage von Image, Symbol und Spektakel.“

Der postmoderne Politiker versteht sich weniger als Protagonist einer bestimmten Weltanschauung oder überlieferten Ideologie, sondern als Marke oder Label, er betreibt Eigenwerbung und in­s­zeniert sich selbst auf allen Kanälen.
Für diesen Politikertyp – jung, smart, ­dynamisch und machtbewusst – stehen Emmanuel Macron, Sebastian Kurz und Justin Trudeau, aber eben auch Christian Lindner und Jens Spahn.  Sie alle sind medial dauerpräsent und verkörpern eine Mischung aus Coolness, Kompetenz und Pathos.

Was Frankreichs Staatspräsident Macron, den designierten österreichischen Bundeskanzler Kurz und Kanadas Premierminister Trudeau verbindet, ist ihr Versuch, sich als Gegenentwurf zum politischen Establishment zu präsentieren. Macron trat nicht etwa als Parteiführer zur Wahl an, sondern als Gründer einer neuen Bewegung („En Marche“). Der jugendliche Held aus Wien erschuf die „Kurz-Version“ einer konservativen Volkspartei, firmierte seine traditionsreiche ÖVP in die „Liste Sebastian Kurz“ um. Der frankokanadische „Disneyprinz“ („Guardian“) Trudeau schließlich bricht als bekennender „Feminist“ soziokulturelle Klischees auf und ignoriert herkömmliche Parteigrenzen.

Diese Strategie, die Herkunft aus ­alten Aufstiegsstrukturen und gesellschaftlichen Eliten zu verleugnen, hat Methode. Die neuen Alphamänner wissen, dass „Parteien mit Verfestigung, Geschäftsordnungen, langweiligen Reden, Frak­tionskämpfen und Kompromissfindung“ verbunden werden, wie der Berliner Sozialforscher Dieter Rucht meint. „Das passt für viele nicht zum Wunsch nach Veränderung, Dynamik, Angriff, dem eine ‚Bewegung‘ eher zu entsprechen scheint.“ Durch den Begriff ­„Bewegung“, so Rucht, „meint man die Unzufriedenen besser einsammeln zu können“.

Beflügelnd und doch gefährlich

An diesen Maßstäben der modernen Popstars scheint sich auch Deutschlands Polit-Nachwuchs zu orientieren. Bei seinem ersten Versuch hat Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) allerdings die Latte gerissen. Seine gleißende Selbstdarstellung, zusammen mit seiner Frau Stephanie als Power-Paar auf der Bühne des Berliner Staatstheaters, endete jäh mit dem Sturz über seine abgekupferte Doktorarbeit. Ob „KT“ eine zweite Chance in Bayern oder im Bund erhält, erscheint offen. FDP-Chef Christian Lindner und CDU-Präside Jens Spahn dagegen wähnen sich weiter auf Erfolgskurs.

Der liberale „Posterboy“ („Welt“) und Porsche-Fahrer hat seine Partei schon im Bundestagswahlkampf und nun auch in den gescheiterten Jamaika-Sondierungen knallhart als „Ich-AG“ geführt. Eine komplett auf Lindner zugeschnittene Werbekampagne entzückte in den zurückliegenden Monaten mit ihrer eigenwilligen ­Ästhetik die Branche – und verfing offenkundig auch beim geneigten Bürgertum. Der in Schwarz-Weiß-Bildern erzählten Story vom jungenhaften Partei-Boss, „der gegen den Strom schwimmt“, mangelte es freilich an innerer Logik, denn der 38-Jährige hat seit Schülertagen die klassische Berufspolitikerkarriere im Blick: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Dass es sich bei Lindner um einen begabten PR-Profi handelt, steht außer Frage. Zumindest zweifeln aber darf man dieser Tage, ob er als Politiker  Außen­wirkung und Substanz miteinander verbindet.

CDU-Hoffnungsträger Jens Spahn, vermeintlicher Kronprinz für die Merkel-Nachfolge, „König der Facebook-Charts“ („Focus“) und hyperaktiv in den sozialen Medien, schwimmt gegenwärtig auf einer Wichtigkeitswelle. Sie aber birgt ihre Risiken, wie der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer weiß: „Die Phantasie von Eigenmacht und Unwiderstehlichkeit beflügelt den Menschen – und bringt ihn in Gefahr.“ Schon mancher rasche Aufstieg in der Politik mündete im abrupten Absturz. Wie beim fränkischen CSU-Freiherrn aus Kulmbach. Auch Parteienforscher Franz Walter warnt: „Die Befriedigung und Egozentrik, über Öffentlichkeit Resonanz zu erzielen, besitzt eine innere, irgendwann schwer zu steuernde, dann destruktive Dynamik.“