Ärgern kann er sich schon über die alten Straßenlampen, die so viel Licht Richtung Nachthimmel schicken, wo es die Sterne verschluckt. Nie, nie, nie würde Matthias Engel aber einen Stein nehmen und so eine Lampe kaputtwerfen. Engel, 34, ist Physiker und Maschinenbauer, er hat den Dr. Ing. Ein Mann der Fakten, nicht der Steine. Der Stuttgarter kämpft gegen Lichtverschmutzung, gegen die so zahlreichen wie überflüssigen Lichtquellen, die Orte zu Lampenbuden machen und die Nacht zum Tag - wenn es kein Mensch braucht, wenn fast alle Rollläden unten sind und alle in den Betten liegen. Lichtverschmutzung ist das, Lichtsmog.

Als Hobbyastronom ist Engel auf das Thema gekommen, als er einen guten Teleskopstandort suchte. Astronomen sind die ersten, die Lichtverschmutzung bemerken. Kunstlicht hellt noch viele Kilometer entfernt den Nachthimmel auf.

Engel tat sich mit anderen Hobbyastronomen gegen den Lichtsmog zusammen - und für das Projekt "Sternenpark Schwäbische Alb". Auf dem früheren Truppenübungsplatz Münsingen, Kern-Areal des Biosphärengebiets, fehlen große Siedlungen. Dadurch ist der Lichtsmog geringer als über dem Ballungsraum Stuttgart oder über Ulm. Das soll so bleiben, mindestens. Am besten aber noch natürlich dunkler werden, indem die vorhandene Beleuchtung umweltgerechter wird.

Dann wäre auch eine Auszeichnung drin, das Prädikat "Sternenpark". Drei deutsche Gebiete gibt es bisher, Eifel, Westhavelland und Biosphärengebiet Rhön. Die International Dark Sky Association in den USA wacht über die Titelvergabe an Regionen, die nachts dunkler sind als andere.

"Lichtverschmutzung betrifft aber nicht Astronomen, sondern wirkt auf Natur und Umwelt, auf Insekten und Zugvögel zum Beispiel", sagt Engel. Wer dies nicht hören will, kann solches Klagen aber auch lassen. Umweltgerechte Beleuchtung sei einfach ökonomisch vernünftig. Zielgerichtete, blendungsreduzierte Beleuchtung, nur in der notwendigen Stärke, spare Energie, Geld und erhöhe den Komfort, Licht mit warmweißer Farbe schone Gesundheit und Natur.

Lärm und Luftverschmutzung sind immer wieder in den Schlagzeilen. Lichtsmog nie. "Beleuchtung in der Nacht ist fast nur positiv besetzt", sagt Engel. Nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz gehört Licht zwar zu den Emissionen, Richtlinien dafür gibt es praktisch nicht. Positiv sei aber: "Anders als bei anderen Umwelteinflüssen lässt sich beim Lichtsmog schnell etwas ändern" - durch besser ausgerichtete Beleuchtung zum Beispiel.

Straßenlampen und Firmenbeleuchtungen sind die Hauptsünder. "Kommunen dürfen nicht nur auf Effizienz der Leuchtmittel achten, sondern auch auf das Reduzieren von Lichtverschmutzung", fordert Engel. Also: nicht nur moderne LED-Technik einsetzen, sondern auch Lampen, die nicht nach oben oder gegen Hausfassaden streuen, sondern nur Gehweg und Straße ausleuchten. Förderprogramme von Bund und Land dürften nicht nur geringeren Stromverbrauch vorschreiben. Privatleuten empfiehlt Engel: Das Grundstück nicht mit riesigen LED-Scheinwerfern fluten oder XXL-Gartenlicht ausknipsen.

"Das ist doch verrückt", sagt Sternenpark-Mitstreiter Till Credner, Diplom-Physiker und Lehrer am Gymnasium in Rosenfeld, "heute machen Wolken den Nachthimmel hell, durch das Streulicht der künstlichen Lichtquellen. Früher war es umgekehrt. "Wenn Wolken am Nachthimmel standen, war es finster."

Vermeiden von Lichtverschmutzung und das Prädikat Sternenpark passe sehr gut, sagt Petra Banert, Geschäftsführerin des Biosphärengebiets Schwäbische Alb. Erhalt des Lebensraums nachtaktiver Tiere, Tourismus, bessere Energieeffizienz - dies seien verfolgenswerte Biosphären-Ziele. "Den Antrag auf Anerkennung werden wir aber nicht vorantreiben." Er gehe übers Biosphärengebiet hinaus und betreffe die ganze Alb. "Aber wir begleiten die Arbeit der Initiative gern."

Unterstützt wird die Sternenpark-Initiative auch in Stuttgart: So eine Anerkennung als Dark Sky Park für die Alb würden Umweltministerium und Agrarministerium begrüßen, sagt ein Sprecher des Umweltministers Franz Untersteller (Grüne). "Das wäre ein Beitrag, ein durch Lichtverschmutzung wenig belastetes Gebiet zu erhalten und weiterzuentwickeln." Die Regierung nehme das Thema Lichtsmog ernst, deswegen seien strenge Auflagen für Himmelsstrahler und Werbeanlagen erlassen worden. Im neuen Landesnaturschutzgesetz soll die Vorschrift ergänzt werden - mit Blick auf den Schutz von Zugvögeln und Insekten. 2013 sind auch die Förderkriterien für die Sanierung der Straßenbeleuchtung ergänzt worden. Wer Geld will, muss Lichtsmog mindern oder vermeiden.

Leuchtendes Beispiel ist jede Nacht Römerstein, 4000-Einwohner-Gemeinde im Biosphärengebiet. 2012 hat sie 1000 alte Straßenleuchten ausrangiert. Die neuen LED-Lampen sparen nicht nur 60 Prozent Strom, sie strahlen auch nur auf Trottoir und Straße. Ex-Bürgermeister Michael Donth hatte sich dafür eingesetzt. 550 000 Euro Kosten sind nicht ohne, 40 Prozent schoss aber der Bund zu.

"Die LED-Technik ist auch bei der Wartung billiger", sagt Bürgermeister Matthias Winter. Als Gemeinde im Biosphärengebiet sei ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit eine gute Sache, findet er. Auch das Projekt Sternenpark: "So eine Sternennacht auf der Alb ist ein Erlebnis." Römerstein helfe mit dem Aufstellen von Bänken für Sternengucker.

Und falls es klappt mit dem Sternenpark, drängeln sich dann Touristen wie auf Neuschwanstein nächtens an Beobachtungspunkten? Klar, attraktiver werde eine Region, wenn Städter dort einen funkelnden Nachthimmel erleben, sagt Engel. "Aber zum Massenphänomen wird das nicht." Zudem biete die Alb Platz. "Wir hoffen, dass es 2020 nicht nur zwei, drei Oasen mit natürlichem Nachthimmel gibt."

Ittenhausen hat den dunkelsten Himmel

Plätze Stuttgart, Reutlingen, Ehingen und Ulm sind zwar nicht weit und machen sich bemerkbar, über dem früheren Truppenübungsplatz Münsingen ist der Nachthimmel aber noch so dunkel, wie ihn Sternengucker brauchen. Autos müssen aber draußen bleiben. Wer mit dem Fahrzeug unterwegs ist, findet nördlich des alten Militärgeländes einen Beobachtungsplatz, etwa bei Römerstein-Zainingen.

Test Fast schon natürlich dunkel wie früher ist es am Albrand: Hans-Jürgen Merk hat den dunkelsten Ort bei Langenenslingen-Ittenhausen (Kreis Biberach) gefunden. Merk, Mitglied beim Sternenpark-Projekt und Veranstalter des "Deep Sky Meetings" auf der Alb, hat dazu viele Beobachtungsplätze erkundet und vermessen und außerdem nächtliche Satellitenbilder und Lichtverschmutzungskarten ausgewertet. Zum Vermessen wird ein "Sky Quality Meter" benutzt - eine Art Belichtungmesser, mit dem sich die Himmelshelligkeit bestimmen lässt.