Leugnen und Vertuschen als Stilmittel russischer Politik

Foto: swp
Foto: swp © Foto: swp
Stefan Scholl 09.12.2017

Hinterher gab sich Wladimir Putin unschuldig: Die Aufgabe, die Mannschaftswertung in Sotschi zu gewinnen, habe er nie jemandem gestellt, sagte der Staatschef diese Woche. Die Welt-Antidoping-Agentur WADA und das IOC aber sehen es als erwiesen an, dass russische Mediziner und Geheimdienstler in Sotschi Dopingproben russischer Favoriten durch ein Loch in der Laborwand schmuggelten, aufbrachen und gegen sauberen Urin austauschten – ein frecher Missbrauch olympischen Heimrechts. Das IOC entzog den Russen elf Medaillen.

Putins Russland leugnet, ziemlich kollektiv. Medien, Sportpolitiker, Putin persönlich dementieren seit Monaten alle Berichte internationaler Ermittler über das flächendenkende Staatsdoping in Russland. Auch nachdem das IOC die Nation von den Winterspielen in Pyeongchang ausgeschlossen hat, russischen Sportlern den Start nur ohne Fahne, Hymne und Nationaltrikots erlaubt.

Kein Geständnis, keine Reue, kein Schritt zurück. So handhabt Moskau den größten Dopingskandal in der olympischen Geschichte. Aber seit der Rückkehr Putins in den Kreml 2012 prägt dieses Schema auch politische und militärische Kampagnen: Dreiste aber verdeckte Attacken, dann nicht weniger massives propagandistisches Sperrfeuer, um das Eroberte zu verteidigen.

 Nach dem Medaillenregen von Sotschi, den Putin immer wieder als „unseren Sieg“ feierte, tauchten im März 2014 auf der Krim massenhaft schwer Bewaffnete in Uniformen ohne Abzeichen ab, Russland leugnete erst, dass es seine Soldaten waren, annektierte die Krim, beharrt seitdem darauf, dabei keine internationalen Verträge verletzt zu haben. Ähnliche „kleine grüne Männchen“ standen im ostukrainischen Donbass, entfachten dort einen Separatisten-Aufstand. Als die ukrainische Armee die Rebellen zurückdrängte, bekam sie es mit übermächtigen Panzerkräften zu tun. Der Kreml weist bis heute alle Vorwürfe erbost zurück, die russische Armee hätte sich eingemischt.

Russland macht die Blutgrätsche und leugnet es dann. In Syrien, wo Moskaus Militärs jeden Bericht als Lügenmärchen bezeichnen, ihre Kampfbomber hätten statt Terroristen Zivilisten getötet. Oder in der US-Innenpolitik, wo russische Hacker die Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton torpedierten, während russische Parlamentäre mit Donald Trumps Wahlkampfberatern palaverten. Moskau dementiert.

Im Kreml hat sich moralischer Nihilismus breit gemacht. Offenbar sind Putin und seine Umgebung überzeugt, jede Sportnation dope ohne Skrupel, jede Demokratie türke ihre Wahlen, jede Revolution bezahlten CIA-Agenten. Und der Zweck, sich gegen diese tückische Welt zu behaupten, heilige alle Mittel.

Der Wirtschaftswissenschaftler Maxim Mironow beklagt, im russischen Wahlkampf bedeute die monopolisierte Unterstützung der russischen Medien und Wahlbehörden für Putin „Doping in Pferdeportionen“. Aber leider gibt es keine WADA für Präsidentschaftswahlen.

leitartikel@swp.de