Ulm Leitartikel: Was ist Wahrheit?

Ein Polizist steht in Köln vor dem Hauptbahnhof. Nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht verstärkt die Polizei die Präsenz am Hauptbahnhof.
Ein Polizist steht in Köln vor dem Hauptbahnhof. Nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht verstärkt die Polizei die Präsenz am Hauptbahnhof. © Foto: Maja Hitij (dpa)
Ulm / ULRICH BECKER 15.01.2016
"Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit." In den vergangenen Jahrzehnten ist dieses Zitat oft gebraucht, oft genug missbraucht worden. Ein Leitartikel von Ulrich Becker.
Es beschreibt aber immer noch treffend den Kampf um die Interpretationshoheit in einer bewaffneten Auseinandersetzung – und damit die Entscheidung, wer zu den Guten und wer zu den Bösen gehört.

Nun befindet sich Deutschland nicht im Krieg, doch die Auseinandersetzung darüber, welche Folgen der Ansturm der Flüchtlinge für dieses Land hat und wie wir ihm begegnen, spaltet die Gesellschaft wie kein anderes Thema der letzten 20 Jahre. Mit ihm und der Auseinandersetzung darüber findet gleichzeitig ein erbitterter Streit um die wahrhaftige und unvoreingenommene Berichterstattung statt.

Die Kölner Vorfälle in der Silvesternacht haben die Diskussion wie ein Brandbeschleuniger erhitzt – und sie zum Teil jeder Sachlichkeit beraubt. Bildeten die Medien ein „Schweigekartell“, wie es Ex-Innenminister Friedrich (CSU) behauptete? Oder hat Rainer Wendt, Chef der Polizeigewerkschaft, recht, der ein unausgesprochenes Verbot der Politik sieht, das es der Polizei erschwert, alle Straftaten von Flüchtlingen zu dokumentieren?

Es sind Interpretationen, die weit übers Ziel hinausschießen und wiederum Stimmung machen wollen – sie sind es aber wert, die eigene Position kritisch zu hinterfragen. Mit dem Abstand von über zwei Wochen auf die Silvesternacht von Köln und dem eindeutigen Wissen um die Ungeheuerlichkeit der Ereignisse ist klar, dass die verspätete Berichterstattung auch ein Versagen der Medien war. Obwohl vor allem der Kölner Stadt-Anzeiger sehr früh und sehr eindeutig das Geschehene dokumentierte, blieben die Reaktionen verhalten. Zum einen, weil die offiziellen Nachrichten der Polizei lange sehr undeutlich blieben, zum anderen aber sicher auch, weil die Angst umging, den tumben Parolen der Schreihälse vom rechten Rand ohne eindeutige Beweise neue Nahrung zu geben – und damit nicht nur die Täter zu benennen, sondern auch Hunderttausende friedlicher Flüchtlinge in Misskredit zu bringen. Die vielleicht gut gemeinte Absicht ging nach hinten los, die jeweiligen Lager stehen sich noch unversöhnlicher gegenüber.

Köln ist auf diesem Hintergrund tatsächlich eine Zeitenwende. Noch stärker als bisher müssen sich die Medien ihrem eigenen Kodex stellen und ihm folgen. Das bedeutet weiterhin, dass das Geheul von „arabischen Horden“ oder dem „Flüchtlingspack“ als das gebrandmarkt wird, was es ist: eine widerwärtige braune Suppe, gekocht von einem Mob, der pauschal ganze Volksgruppen verurteilt – und damit der Rassenideologie der Nazis folgt.

Genauso klar ist aber auch: Wer individuelle Schuld erklären will, muss auch sagen, auf welchem Hintergrund sie wächst. Unter Punkt 12 des deutschen Pressekodex heißt es, dass niemand wegen seiner „Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe“ diskriminiert werden darf. Zugleich kann „die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten“ dann erwähnt werden, wenn „für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht“.

Wenn Männer Frauen als Freiwild betrachten, weil sie in bestimmten religiösen oder kulturellen Milieus aufgewachsen sind, muss dies benannt werden. Diese Wahrheit ist deshalb eine Verpflichtung gegenüber allen, die nach Deutschland kommen und hier mit uns gemeinsam in Frieden leben wollen.

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