Attentäter sind jung, männlich, tragen Fusselbart und Rucksack. Dass dieses Klischee oft, aber keineswegs immer zutrifft, zeigt der Fall der heute 16-jährigen Safia S., die im vergangenen Jahr in Hannover mit einem Messer einen Polizisten angegriffen hatte – seinerzeit die erste Tat im Namen der Terrormiliz IS auf deutschem Boden, begangen von einer Angreiferin, die als Achtjährige mit dem berüchtigten Salafistenprediger Pierre Vogel in einem Video posiert hatte und später im Gymnasium immer wieder mit islamistischen Äußerungen aufgefallen war.

Nun fordert Bayerns Innenminister Joachim Herrmann eine Neuausrichtung der Antennen des Verfassungsschutzes: Die Geheimdienste sollen Kinder ins Visier nehmen dürfen. Nachdem die Altersgrenze für die Beobachtung bundesweit im vergangenen Jahr bereits von 16 auf 14 Jahre gesenkt wurde, bedeutet der bayerische Vorstoß eine abermalige Verschärfung. Doch die Rekrutierer des IS machen vor Kindern und Jugendlichen nicht Halt. Das gilt für hier aufgewachsene Minderjährige wie Safia S. ebenso wie für unbegleitete junge Flüchtlinge, die leichte Beute für die Verführer sind.

In sozialen Netzwerken und Online-Auftritten wird der Dschihad weniger als mörderischer Akt denn als Lifestyle mit Gangster-Attitüde verpackt – eine versierte Zielgruppenansprache, die sich an junge Menschen wendet, deren Gefühle zwischen Selbstzweifeln, Ausgeschlossensein und Geltungsdrang pendeln. Nicht nur die Werber, sondern auch die Angeworbenen genauer in den Blick zu nehmen ist ebenso wichtig, wie diesen Blick zu weiten. Es ist eigenen überkommenen Vorstellungen geschuldet, Frauen und Kinder gedanklich von vornherein aus todbringenden Rollen auszuklammern.

Doch es ist zu befürchten, dass Herrmanns Vorstoß eher dem Wahlkampf und der allgemeinen sicherheitspolitischen Neigung, den staatlichen Werkzeugkasten grundsätzlich so voll wie möglich zu bekommen, geschuldet ist. Das ist einfach, lässt sich im Tagesgeschäft bestens verkaufen und täuscht über eigene Defizite hinweg. Die Akteure aller spektakulären Attentate der vergangenen Jahre waren den Behörden lange zuvor bekannt, ohne dass die richtigen Schlüsse gezogen worden wären. Fast immer wird die peinliche Frage des Behördenversagens diskutiert und fast immer steht am Ende die bittere Erkenntnis: Auch noch so informierte Dienste sind aus praktischen, meist personellen Gründen, nicht in der Lage, die wachsende Zahl der Gefährder unter Kontrolle zu halten.

Mehr Sicherheit erfordert mehr Personal und möglicherweise eine tiefgreifende strukturelle Reform. Es ist eine Folge der föderalen Struktur Deutschlands, dass im Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum mehr als 40 Behörden kommunizieren und vermutlich auch aneinander vorbeireden. Eine Zentralisierung wäre mutmaßlich effektiver als der seit Jahren anhaltende ungebremste Ausbau staatlicher Eingriffsbefugnisse – auch wenn Herrmann in seinem konkreten Fall richtig liegen mag.