Am Tag nach der Einigung auf ein drittes Hilfspaket für Griechenland stellte sich der Vorsitzende der CDU Baden-Württemberg, Thomas Strobl, vor eine Fernsehkamera und sagte: "Der Grieche hat jetzt lange genug genervt."

Es steckt viel drin in diesem Satz. "Genervt" hat das Feilschen wohl tatsächlich fast jeden. Wochenlang kein anderes Thema, überall nur Griechenland. Doch warum sagte Strobl: "der Grieche", und nicht: "das Thema Griechenland", oder: "die griechische Regierung". "Der Grieche" ist die personalisierende Verallgemeinerung, sie meint: der Grieche als solcher. Wer so daherredet, schreibt ganzen Völkern individuell-menschliche Eigenschaften zu, als wären diese geografisch beschränkt angeboren und auf alle Zeit unabänderlich.

Diese Art Ressentiment tritt in letzter Zeit gehäuft auf. In den Hilfspaket-Debatten nutzte sie besonders gern der Boulevard. In Deutschland war vom "faulen Griechen" die Rede, in Athen griff man zum braunen Stift und malte Bilder des "hässlichen Deutschen": Schäuble als Blutsauger, Merkel mit Hakenkreuz. Faulpelze gegen Nazis. Da stehen wir nun also, nach Jahrzehnten der europäischen Einigung.

Nationalistische Ressentiments sind nicht auf Griechenland beschränkt, sie mäandern mit der Nachrichtenlage. Steht die Arbeitnehmerfreizügigkeit für Rumänen und Bulgaren an, schreien die Populisten: Die Einbrecherbanden vom Balkan kommen! Geht es um Flüchtlinge aus dem Kosovo, heißt es: Die wollen doch nur Sozialleistungen abkassieren! Der Ukraine-Krieg? Diese Putin-hörigen Russen! Ein Asylbewerberheim in Freital? Triebgesteuerte Afrikaner stellen deutschen Mädchen nach!

Was all diese Ressentiments eint, ist, dass sie die komplexen Konflikte und Probleme unserer täglich krisenhafter scheinenden Welt vereinfachen und so umdeuten, dass man sich scheinbar gar nicht mehr mit ihren Ursachen beschäftigen muss.

Ein Beispiel: Die Griechen, so der Vorwurf, sind gewohnheitsmäßige Steuerhinterzieher. Tatsächlich ist dies ja ein Kern der griechischen Krise. Doch erstens liegt das nicht an der griechischen DNA, sondern an jahrhundertelanger Fremdherrschaft und einer daraus folgenden Abneigung gegen den Staat. Und zweitens: Ist Deutschland völlig frei von solchen Dingen? Steuerhinterzieher gibt es auch hier reichlich, allein in Baden-Württemberg gingen seit dem Fall Hoeneß abertausende Selbstanzeigen ein. Experten schätzen, dass dem Staat durch Steuerbetrug jährlich Milliarden entgehen.

Oder der Klientelismus: In Deutschland spielt situative Korruption im Alltag keine Rolle. Wohl aber rügen Anti-Korruptions-Organisationen regelmäßig den Lobbyismus im Bundestag. Erst vor wenigen Wochen verurteilte das Bundesverwaltungsgericht die Parlamentsverwaltung, endlich mitzuteilen, welche Lobbyisten im Hohen Haus arbeiten. Und wenn es gerade um Korruption und Schwarzgeld geht: Was ist mit den unzähligen Affären in Deutschland? Siemens-Skandal, VW-Skandal, CDU-Spendenaffäre?

Solche Tatsachen aber verdrängt gern, wer zu nationalistischen Sprüchen neigt. Denn ihm geht es nicht um Kritik an vorhandenen Missständen oder Vorschläge, diese zu beheben. Wer zum Ressentiment greift, der will sich berauschen, will die eigene Nation, und damit sich selbst, auf Kosten der Erniedrigung anderer überhöhen.

Das ist abstoßend und gefährlich, es frisst die europäische Einigung von innen auf. Wenn Vertreter etablierter Parteien dabei fröhlich lächelnd mitmachen, dann nervt das - um es mit Thomas Strobl zu sagen.

 

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